3.7.12

Was wusste der spanische König?

Javier Cercas hat mit seinem im Jahr 2009 erschienen Buch über den operettenhaft inszenierten Putschversuch in Spanien vom  23. Februar 1981 eine kluge, zeitgeschichtlich interessante Verarbeitung dieses höchst symbolträchtigen spanischen Ereignisses veröffentlicht. Er erhielt dafür einen der wichtigsten spanischen Literaturpreise, den “Premio Nacional de Narrative 2009”.  Seit 2011 liegt nun die von Peter Kultzen geleistete Übersetzung des Werkes in deutscher Sprache vor: Javier Cercas, Anatomie eines Augenblicks, 569 Seiten, ISBN 978-3-10-011369-6.

Bekanntlich versuchte damals eine Gruppe franquistischer Militärs die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.  Ein Oberst namens Tejero drang mit einer bewaffneten Gruppe der paramilitärischen ´Polizei “Guardia Civil” ins Parlament ein.  Mit ihren Handfeuerwaffen schossen sie mehrere Salven unter die Decke und befahlen den Abgeordneten sich auf den Boden zu legen, was diese auch taten. Die Putschisten glaubten, sie hätten die Unterstützung des Königs für ihr gewaltsames Eingreifen in die politische Lage. Damals schien das Land angesichts separatistischer Bestrebunge und terroristischer Akte politisch und ökonomisch wie gelähmt und unfähig für eine dringend benötigte demokratische Stabilisierung. Das Besondere an diesem spanischen Putschversuch war, dass ihn die ganze Welt über die Medien mit erleben konnte, da zwei Fernsehkameras im Parlamentssaal liefen und, für die Putschisten unbemerkt,  alles gefilmt wurde.
Eindrucksvoll war das Verhalten von drei Politikern im Parlamentssaal, die nicht auf dem  Boden in Deckung gingen, sondern stehen oder sitzen blieben:  Es waren der Ministerpräsident Adolfo Suarez, der General Gutierrez Mellado und auf der Linken der Generalsekretär der kommunistischen Partei Santiago Carrillo. Genau dieses Verhalten der drei Politiker, die dem Befehl der Putschisten nicht folgten und damit eine Geste des Widerstandes und der Bewahrung von eigener Würde lieferten, ist der Ausgangspunkt für die Analysen und Deutungen des Autors.  Deshalb trägt sein Buch auch den Titel “Anatomie eines Augenblicks”.  Der zeitgeschichtlich interessierte Leser wird dabei zweifach überrascht.  Zum einen: Der Autor garniert seine Erzählung des Vorganges, die sich auf öffentlich zugängliche und am Ende des  Buches nachgewiesene Quellen und auf Interviews mit einzelnen Akteuren stützt, mit zahlreichen geistvollen Reflexionen.  Dabei geht es über das Verhältnis von Theorie und Wirklichkeit, über den historischen Prozess, seine Vermittlung durch die Medien, über  die Rolle und Definition des Vollblutpolitikers und nicht zuletzt über die Art und Weise wie er, der Autor und Angehörige einer jüngeren Generation von dem Geschehen betroffen war und wie er das gestörte Verhältnis  zu seinem Vater verarbeitet hat.
Zum Anderen wird der Leser überrascht durch eine spannende Erzählung, die sich fast wie ein politischer Krimi liest.  Es werden Vorgeschichte, Planung und Ausführung des Putschversuches und die teils nachgewiesenen, teils vermuteten Verwicklungen von Generalität, Geheimdienst und  gesellschaftlich Mächtigen beleuchtet.  Die Rolle des Monarchen erscheint als nicht ganz zweifelsfrei.  Der König habe zwar durch sein öffentliches Bekenntnis zur Demokratie und zum Rechtsstaat den Putsch beendet, aber er habe dadurch auch seine politische Macht erheblich gestärkt. Deshalb stellt der Autor auch die Frage, welche Informationen der König im Vorfeld der Ereignisse hatte, ob er gewähren ließ, gar förderte oder ob er nicht alles wusste.
Der Rezensent, der damals Auslandslehrer in Barcelona war, war bei der Lektüre über eine Information des Autors dankbar erstaunt:  Wegen der Macht der Fernsehbilder vom Putschversuch des Obersten Tejero im Parlament hat jeder gut in Erinnerung wie es war. Jeder glaubt, er habe alles live im Fernsehen miterlebt.  Aber Javier Cercas zeigt,  dass die Fakten damals anders waren:  Es gab eine live Sendung im Rundfunk über den genauen Ablauf der Ereignisse, die Fernsehbilder jedoch folgten erst später, als der Putsch gescheitert war. An dieser Stelle darf angemerkt werden, dass Cercas auf die große demokratische Rolle, die der Rundfunk damals mit seiner Sendung spielte, in seinem Buch etwas deutlicher und näher hätte eingehen  können.
Es sei hier auch die gute Übersetzungsleistung erwähnt, denn dieses äußerst lesenswerte Buch ist sprachlich nicht ganz einfach.  Über weite Passagen hin pflegt der Autor einen anspruchsvollen Satzbau.  Sein differenzierender Diskurs scheint solche  komplexen Sätze zu benötigen, weshalb sie berechtigt sein mögen.  Es finden sich aber auch  Stellen mit sehr langen Sätzen und mit einem rhetorischem Stil, der die Geduld des Leser zeitweilig strapaziert.
Obwohl der Autor den Augenblick der dramatischen Zuspitzung des Putschversuches zu seinem Hauptthema macht, indem er die Gesten der drei aufrechten Politiker interpretiert, die ihre Amtswürde wahren und nicht zu Boden gehen, handelt doch sein Buch ganz wesentlich über den Ministerpräsidenten Adolfo Suarez.  Er zeigt seine Entwicklung und seinen politischen Aufstieg vom franquistischen Funktionär hin zum demokratischen Staatsführer. Anfangs charakterisiert er Suarez als opportunistischen Parvenu ohne besondere literarische Bildung oder bürgerliche Kultur.  Am Ende  jedoch bekennt er seine Sympathie für Suarez, der sich um die Demokratie  verdient gemacht habe und in der politischen Verantwortung über sich hinausgewachsen sei. Allzu spät habe er vom König die verdiente Ehrung erfahren.

11.1.10

"Marx schreibt an Marx" - Staaten ohne Gerechtigkeit sind "Räuberbanden"


Reinhard Marx, Das Kapital - Ein Plädoyer für den Menschen – Unter Mitwirkung von Dr. Arnd Küppers, München 2008, 320 Seiten.

Der Autor von "Das Kapital - Ein Plädoyer für den Menschen" ist der als Sozialkritiker bekannte Erzbischof von München und Freising.  Er ist auch Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz.

Ausgehend von der katholischen Soziallehre und ihren theologischen Begründungen geht er in diesem Buch scharf mit dem Kapitalismus ins Gericht, offensichtlich zu einem Zeitpunkt, als das derzeitige Ausmaß der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise noch nicht abzusehen war:  "Ein Kapitalismus ohne Menschlichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit hat keine Moral und auch keine Zukunft."

Er kokettiert mit seinem Familiennamen, indem er sich auf seinen berühmten Namensvetter Karl Marx bezieht.  Dies tut er gleich auf zweifache Weise: einmal mit dem Buchtitel durch Anspielung auf dessen Hauptwerk und zum anderen mit seinem Einleitungskapitel, das als fiktiver Brief an seinen  "lieben Namensvetter" verfasst ist.  Damit beansprucht er mit diesem gleichsam auf Augenhöhe zu sein, was die Formulierung der Kapitelüberschrift "Marx schreibt an Marx" deutlich macht.  In seinem  "Brief" stellt er der kommunistischen Bewegung von Karl Marx die Soziallehre des damaligen Bischofs von Mainz, Wilhelm Emmanuel von Kettler, gegenüber.  Nach Kettler sollte das Eigentum nicht abgeschafft werden, sondern es sollte den Eigentümer verpflichten, durch dasselbe, d. h. das Kapital, dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen.
Erzbischof Marx erklärt den revolutionären Sozialismus in der Prägung von Karl Marx  als offenkundig gescheitert und wendet sich ebenso vom weltweiten Raubtierkapitalismus jüngster Zeit ab.  Dem stellt er als gesellschaftliches Erfolgsmodell die soziale Marktwirtschaft (nach den Prinzipien von Solidarität, Subsidiarität, Freiheit und Eigenverantwortlichkeit) der Bundesrepublik  Deutschland gegenüber. Das bedeutet, dass der Staat eine ordnende Rolle spielt, indem er durch Bändigung des marktwirtschaftlich agierenden Privatkapitals für soziale Gerechtigkeit sorgt.  Am Ende seines Buches, das in acht Kapitel und einen Schlussteil gegliedert ist, nimmt er die Globalisierung der Wirtschaft in den Blick und fordert eine solidarische Weltordnung und eine globale soziale Marktwirtschaft: "Wir müssen daran arbeiten, dass die Marktwirtschaft weiterhin in einem Ordnungsrahmen stattfindet, der gemeinwohlorientiert ist und Raum lässt für eine institutionalisierte Solidarität in einem funktionierenden Sozialstaat, und zwar im Blick auf die `Weltgemeinschaft`." (S. 297)

Das Buch enthält einen Literaturnachweis und ein Personen- und Sachregister.  Das weist darauf hin ,dass es in die Hände von Studierenden und entsprechend Gebildeten gehört, die sich mit den gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit kritisch auseinandersetzen und dabei die Positionen der katholischen Kirche in Deutschland kennen lernen möchten.

Als besonderer Vorzug ist die Klarheit der Sprache hervorzuheben.  Eine Fülle von gesellschaftlichen, theologischen  und sozialpolitischen Konzepten (unter anderem aus der Befreiungstheologie der Begriff der "Struktur der Sünde" für ungerechte Systeme) wird auch dem Laien verständlich dargelegt.

Manch ein Leser dieses Buches dürfte sich wundern, mit welcher Offenheit der Erzbischof von München und Freising soziale  Missstände unserer Zeit anprangert und dabei eine Reihe von zitierfähigen drastischen Beispielen gibt:
           "Geierfonds (vulture funds). Wenn ein Land nachhaltig
           in Zahlungsschwierigkeiten gerät, kaufen die `Geier`unter den
           Hedgefonds mit hohen Abschlägen auf die ursprüngliche
           Kreditsumme dessen Schulden auf und verklagen es dann
           auf Rückzahlung der vollen Beträge einschließlich Zins und
           Zinseszins." (S.139)  Oder:

            "Aber nicht nur bitterarme Entwicklungsländer, auch ganz
            normale Häuslebauer in Deutschland sind von
            gewissenlosen Spekulanten bereits in den Ruin
            getrieben worden. Durch die amerikanische Immobilienkrise
            in Schwierigkeiten geratene deutsche Banken und
            Sparkassen haben in den letzten Monaten sogenannte
            `notleidende`Kredite mit einem Gesamtwert im
            zweistelligen Milliardenbereich an Schuldenaufkäufer
            - häufig Hedgefonds - verkauft." (S. 141)

Der Leser erfährt aber auch, auf welchem theologischen Fundament sowohl seine Sozialkritik als auch die angebotenen Reformvorschläge (Beseitigung sittenwidrige Managergehälter, Verantwortung aller durch Stakeholder  (nicht: Shareholder!) Value-Modell, Schaffung eines öffentlich unterstützen dritten Arbeitsmarktes für Langzeitarbeitslose, Familienpolitik durch mehr Bildungsausgaben und bessere Rentenansprüchen für Erziehende) stehen, die durchaus mehr sind als moralische Appelle an das Gerechtigkeitsempfinden: "Ohne Gerechtigkeit sind Staaten nichts anderes als Räuberbanden, wie Augustinus gesagt hat." (S. 158)

Der Autor  wirbt dafür, dass  man sich erneut  mit den Grundlagen der Marktwirtschaft beschäftigen möge und dass ihre Theoretiker wie Wilhelm Röpke, Walter Eucken, Alexander Rüstow und Friedrich August von Hayek besser wahrgenommen werden. Neben den bereits angesprochenen konkreten Vorschlägen auf nationaler Ebene fordert er abschließend für eine globale soziale Marktwirtschaft Veränderungen wie: faire Welthandelsbedingungen, eine Rahmenordnung für den internationalen Finanz- und Kapitalmarkt und die Garantie von unabdingbaren Arbeitnehmerrechten.
Günther Miklitz, Bonn

Mehr zu diesem Buch:





29.2.08

"Voll krass" - Texte für den Unterricht über Migrantenliteratur

Bekanntlich bezeichnet der Ausdruck "voll krass", der aus dem Slang türkischer Jugendlicher in die deutsche Jugendsprache gewandert ist, etwas Positives oder etwas sehr gut Gelungenes.
In dem hier vorzustellenden Buch findet sich ein kurzer Beitrag von Nina Schürman mit der Überschrift "Voll krass - Viele Jugendliche fahren auf ´Kanak Sprak` ab". Darin wird beschrieben, was die sprachwissen- schaftliche Feststellung "Der Ethnolekt wird zu einem Soziolekt des Deutschen." bedeutet.

Das zu besprechende Reklam-Bändchen aus der Reihe "Arbeitstexte für den Unterricht" mit dem Titel "Migrantenliteratur" ist für die Sekundarstufe herausgegeben von Peter Müller und Jasmin Cicek.
Es ist 2007 im Reclam-Verlag in Stuttgart erschienen, hat einen Umfang von 187 Seiten und kostet auch für Taschengeldbezieher erschwingliche 4,80 Euro.

Neben dem eingangs erwähnten Text finden sich andere, die ebenfalls der sprachlichen Seite der Integration von Immigranten gewidmet sind. Teils berichten sie über ganz persönliche Erfahrungen, teils wird über Unterschiede zwischen der Herkunftsprache und dem Deutschen nachgedacht.
Yoko Tawada aus Tokyo berichtet zum Beispiel, dass man im Japanischen mehrere Wörter für "Ich" benutzt und dass sie in ihrer Heimatsprache gezwungen sei, sich zwischen mehreren Möglichkeiten der Selbstbezeichnung zu entscheiden, und zwar zwischen "atakushi","watashi", "watakushi" für Mädchen oder "boku" bzw. "ore" für Jungen. In Europa entdeckte die junge Japanerin das deutsche Wort "Ich": "Ein Ich muss kein bestimmtes Geschlecht haben, kein Alter, keinen Status, keine Geschichte, keine Haltung, keinen Charakter. Jeder kann sich einfach "ich" nennen." (S. 121)

Im fünften Kapitel des Buches werden unter der Überschrift "Zahlen - Fakten - Hintegründe" 12 kurze Texte angeboten, die eine Vertiefung des Themas der Integration von ausländischen Zuwanderern in Deutschland ermöglichen.

Wie dringend nötig dies ist, zeigt die von einem Bildungsdefizit gekennzeichnete Rede - nicht in diesem Buch - eines ausländischen Staatsführers, der die Assimilation seiner Landsleute in Deutschland als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnete.

Auch deutsche Schüler können hier lernen, wie differenziert das Anpasssungsgeschehen an die Aufnahmegesellschaft zu sehen ist. Es werden unter anderem folgende Aspekte der Assimilation genannt: Sprache, Normenkenntnis, Rückkehr- oder Einbürgerungsabsicht, politisches Verhalten, formelle oder informelle Kontakte zwischen den ethnischen Gruppen, Teilnahme an Einrichtungen des Aufnahmeystems, Einkommen, Berufs- prestige, Wahrnemung von Aufstiegschancen bzw. vertikale Mobilität.

Die Notwendigkeit, das Thema unbedingt in die Schulen zu bringen, ergibt sich auch aus einer Tatsache, die in einem weiteren Textbeitrag, und zwar von Felix Berth, als "Kleine Revolution der Amtsstatistik" bezeichnet wird. Danach zeigt die neuste Statistik, "dass etwa jeder fünfte Bewohner der Republik zugewandert ist oder immigrierte Eltern oder Großeltern hat." Migrantenkinder stellten heute in der Grundschule bereits einen Anteil von genau einem Drittel der Schülerschaft. Der Text endet mit der Feststellung: "Dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, lässt sich bei Kenntnis der neuen Daten nicht mehr behaupten."

Neben einem Quellenverzeichnis und kurz kommentierten Literaturhinweisen enthält das Buch in seinem Schlussteil Arbeitsaufträge zum Kernstück des Buches, nämlich zu der vielfältigen Sammlung von Lyrik und kurzer Prosa aus der Feder von Migranten unterschiedlichster Herkunft.

In diesen literarischen Texten, die den Hauptteil ausmachen, wird kein Blatt vor den Mund genommen, wenn zum Beispiel Probleme mit dem Kopftuch oder enge Moralvorstellungen zur Sprache kommen. Im Klappentext des Buches heißt es zu Recht:

"Die Texte verhelfen zu einem Perspektivewechsel, sie eröffnen Einblicke in die Lebenswelt und Befindlichkeit von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland."

Günther Miklitz

7.10.07

Bodo Friedrich (Hrsg.), Geschichte des Deutschunterrichts von 1945 bis 1989.

Bodo Friedrich (Hrsg.), Geschichte des Deutschunterrichts von 1945 bis 1989. In: Beiträge zur Geschichte des Deutschunterrichts, Bd. 58, Frankfurt am Main 2006, 363 S., 49,80 Euro.

Die als Taschenbuch vorliegende Untersuchung von Bodo Friedrich führt mit ihrem Titel auf eine falsche Fährte. Keineswegs geht es hier um einen historischen Abriss der gesamten Fachgeschichte des Deutschunterrichts von 1945 bis 1989. Erst nach dem Aufblättern merkt man, dass es noch den Untertitel, „Unterricht nach Plan? Untersuchungen zur Schule in der SBZ/DDR“ gibt. Dann wird klar, worum es geht: Auf der Basis einer empirischen Untersuchung soll die Frage geklärt werden, inwieweit es zwischen staatlichen Vorgaben (in erster Linie durch den Lehrplan) und dem Handeln der Deutschlehrer im Unterricht Diskrepanzen oder Übereinstimmung gab bzw. „wie konform oder non-konform sich Deutschlehrer(innen) in der SBZ/DDR“ in dem genannten Untersuchungszeitraum verhalten haben.

Zu diesem Zweck hat der Verfasser, der nach eigenem Bekunden 34 Jahre dem Deutschunterricht in der SBZ/DDR verbunden und bis 1999 als Professor für Deutschdidaktik an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig war, zusammen mit seinem Team von Fachwissenschaftlern Klassenbücher von 6 Schulen, zahlreiche Praxisanalysen staatlicher Stellen sowie 61 Interviews mit Lehrern ausgewertet. Zunächst wird auf ca.100 Seiten zum Teil mit Hilfe von Tabellen ausführlich über die Fakten berichtet, u. a. : Lehrplanerfüllung bezogen auf Unterrichtsstunden bzw. Stoffeinheiten/ Stoff- komplexen im Literaturunterricht, Lehrplanabweichungen, Lehrplanerfüllung durch die Lehrer, Grade der Lehrplanabweichungen. Etwa 170 Seiten sind der Reflexion der Ergebnisse sowie der Zusammenfassung gewidmet.

Wenn man als Leser dieses Buches, so der Rezensent, nicht über Lebenserfahrung in der SBZ/DDR verfügt und mit westlich geprägtem Blick die Untersuchungsfrage sieht, wundert es einen gar nicht, dass „das Maß an quantitativen und qualitativen Übereinstimmungen zwischen den Lehrplananforderungen und der Unterrichtspraxis im Deutschunterricht insgesamt“ verhältnismäßig gering war. Bemerkenswert erscheint, dass es dem totalitären Staat erst in der späteren Phase der Konsolidierung des politischen und gesellschaftlichen Systems zunehmend gelang, seine Steuerungs- instrumente effektiver zu gestalten.

Etwas überrascht liest man, dass im Literaturunterricht vielmals vermieden worden sei, Texte aus der Sowjet/DDR-Literatur durchzunehmen. Erklärungsgründe für nicht systemkonforme Präferenzen sieht der Autor in den individuellen Lehrer- persönlichkeiten, in ihrem Berufsethos, ihrer Professionalität sowie in der jeweiligen Sozialisation. Sie würden generell die Umsetzung von staatlichen Vorgaben bedingen.

Noch mehr überrascht, wie positiv die staatlichen Unterrichtskontrollen durch das System der Fachberater dargestellt werden: “Es muss erstaunen, dass von diesen 25 Lehrern nur 4 mit diesen Kontrollen negative Erinnerungen verbinden, 21 hielten sie für notwendig und vor allem für hilfreich.“ Weiter heißt es, erst mit dem Einsatz von Fachberatern in den 60er Jahren sei „eine kontinuierliche und fachgerechte Kontrolle der Deutschlehrer gewährleistet gewesen. Deren Funktion war aber gerade nicht die Kontrolle, sondern die Anleitung und Weiterbildung der Lehrer.“ (S. 143)

Das Buch, das mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde, ist gewiss ein interessanter Beitrag zum besseren Verständnis der DDR-Pädagogik. Während stellenweise die Besprechung der empirisch gewonnenen Ergebnisse in der dünnen Luft wissenschaftlicher Begrifflichkeit stattfindet, ist die kurze, nur eine Seite lange Zusammenfassung am Ende besonders gut lesbar. Sie schließt mit folgendem, für den Unterricht im totalitären DDR-System bemerkenswerten Satz: „Fest steht jedoch, dass scheinbar so gut wie jeder Lehrer die Möglichkeit hatte, fest im Lehrplan vorge- schriebene Stoffe wegzulassen und stattdessen andere zu behandeln und dass er sich dabei an seinen Vorlieben oder auch den Interessen der Schüler orientieren konnte.“ (S. 324)

Günther Miklitz

15.5.07

Bilder von Fritz Preiss im Netz



                                                     Schloss Werneck, Fritz Preiss

Auf dem Blog littlequarry von Werner Eich sind erstmals im Internet Bilder des Malers Fritz Preiss (Anfang des 20.Jhdts.) zu sehen. Es handelt sich um Genremalerei, Landschaft- und Städtebilder.

4.3.07

Lachauer, Borodziej u.a., Als die Deutschen weg waren - Was nach der Vertreibung geschah: Ostpreußen, Schlesien, Sudetenland

Parallel zu dem Film Die Flucht (Maria Furtwängler,Jean Yves Berteloot,Tonio Arango,Kai Wessel), der im Deutschen Fernsehen gezeigt wurde, empfehle ich für die Beschäftigung mit der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg das Taschenbuch "Als die Deutschen weg waren". Es ist 2005 im Rowohlt-Verlag erschienen, hat einen Umfang von 218 Seiten und ist durch Karten und Fotos - alle schwarzweiß - illustriert.
Bemerkenswert ist das siebenköpfige Team von deutschen, polnischen, russischen und tschechischen Autoren. Damit ist ein besonderes Maß an Ausgewogenheit und Bereitschaft zum Dialog gegeben.
Aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen in Schlesien und mehrerer Berichte von Zeitzeugen kann ich vor allem den Teil des Buches bewerten, der sich mit Situation der Schlesier im Oppelner Land befasst: Polonisierung, Internierung, Vertreibung.

Was das Buch dort sagt, stimmt weitestgehend mit den Informationen überein, die mir in persönlichen Kontakten vermittelt wurden. Z.B. das Lager Lambsdorf, in dem während der NS-Herrschaft russische Kriegsgefangene verhungerten und nach dem Krieg unter polnischer Herrschaft deutsche Schlesier zu Tode gequält wurden: "Vom Sommer 1945 bis zum Herbst des gleichen Jahres gehören Folter, Vergewaltigung und Mord an Frauen, Kindern und Alten zum Alltag in Lambinowice (dtsch. Lambsdorf, resümiert der polnische Historiker Edmund Nowak." (S. 45)

Das Buch ist auch jungen Lesern zu empfehlen, da die nötige historische Einordnung geleistet wird.


25.2.07

Wolfgang Butzkamm, Lust zum Lehren, Lust zum Lernen

Wolfgang Butzkamm fordert in seinem Buch "Lust zum Lehren, Lust zum Lernen", Tübingen und Basel 2004, 403 S., einen Neubeginn der Fremdsprachenmethodik und verspricht für Schüler und Lehrer Lust bei der Arbeit im Klassenzimmer. Er kann mit seinen Vorschlägen offenbar Begeisterung auslösen, denn es hat öffentlich die Empfehlung gegeben, das Buch Eltern und Lehrern gleichermaßen zur Verfügung zu stellen. Wie begeistert kann der als Fachmann besonders betroffene Englischlehrer sein?

Zunächst muss man bereit sein, die neue Sicht des Autors zu akzeptieren, die eigentlich von ihm schon seit vielen Jahren vertreten und unter dem Begriff der „aufgeklärten Zweisprachigkeit im Unterricht“ bekannt ist. Er fordert, die Muttersprache nicht als Bedrohung für die zu erlernende Fremdsprache zu sehen, etwa angesichts der Fehler produzierenden „transfers“ bei scheinbarer Ähnlichkeit, sondern sie, die Muttersprache, systematisch für das Lernen zu nutzen. Er sagt, man müsse die funktionale Fremdsprachigkeit, d.h. die Fremdsprache als Gebrauchssprache des Unterrichts anstreben. Falsch sei es hingegen, eine Einsprachigkeit zu wollen, die zweisprachige Lehrtechniken ausschließt.

Butzkamm geht in den theoretischen Teilen seines Buches auf die Tatsache ein, dass das Fremdsprachenlernen in Europa eine lange Tradition hat. Man müsse versuchen, das Bewährte der Tradition mit den Erkenntnissen der modernen Gehirnforschung und der Spracherwerbstheorien zu verbinden. Er verdeutlicht auch bereits im Vorwort, dass er gleichzeitig der Praxis im Klassenzimmer verpflichtet ist. Aus dieser Praxis des Lehrens und Lernens heraus habe er über 3000 von Anglistik- und Romanistikstudenten ausgefüllte Fragebögen berücksichtigt. Darüber hinaus bezeichnet er mehr als 300 Aufsätze von Anglistikstudenten zu dem Thema „Myself as a language learner“ als seine „schönste Quelle über die Schulwirklichkeit“.

Man findet in der Tat eine große Fülle von methodischen Anregungen für die tägliche Unterrichtspraxis. Die Beispiele beziehen sich teils auf den Französisch-, hauptsächlich jedoch auf den Englischunterricht. Es werden zahlreiche fremdsprachige Formulierungen gegeben, die der Lehrer im Klassenzimmer verwenden kann. Natürlich wird angestrebt, soviel Englisch oder Französisch wie nur eben möglich im Unterricht zu verwenden. Aber dabei dürfe man nicht dogmatisch vorgehen und die Muttersprache als Verstehens- und Ausdruckshilfe aussparen.
Als Beispiel einer solchen Hilfe geben wir Butzkamms „muttersprachliche Spiegelung“ (S. 175): „Do you want us to write it down? – sollen wir das aufschreiben? Struktur: Wollen Sie uns zu schreiben es auf?“

Besonders sympathisch erscheint uns an Butzkamms „Lust zum Lehren, Lust zum Lernen“ sein didaktisches Konzept, das den Unterrichtsalltag in seiner Vielfalt von relevanten Aspekten im Blick hat: Dynamik, Beteiligung aller, Differenzierung nach Möglichkeiten, keine methodische Dogmatik, Realität von Zeit und Raum in der Schule und nicht zuletzt, das Inhaltliche. Er spricht sich aus für eine inhaltlich gehaltvolle und im besten Sinne philologisch geprägte Arbeit im Unterricht, weil nur damit die Schüler gebildet werden und dauerhaft Interesse haben können. Aufgrund seiner methodischen Vielfalt und dem Bemühen, so viel wie möglich im Unterricht in der fremden Sprache zu kommunizieren, sind Butzkamms Vorschläge alles andere als eine Rückkehr der Muttersprache in den Schulunterricht, zumal der sich von der traditionellen Übersetzungsmethode längst weit entfernt hat.

Man muss aber bei aller Begeisterung für einen neuen Schub in Richtung inhaltlich anspruchsvolleren Unterrichtens auch darauf hinweisen, dass die Zuhilfenahme der Muttersprache nur dann möglich ist, wenn diese von Lehrern und Schülern beherrscht wird, was in Deutschland weitestgehend der Fall sein dürfte, nicht aber in jeder Unterrichtskonstellation im Ausland.

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert. In jedem Kapitel ist ein Teil zum Thema „Praxis“ Fett hervorgehoben. Dies unterstreicht die eingangs betonte Orientierung auf den Unterrichtsalltag hin.
Als Abschluss werden 12 Leitsätze einer Lehrtheorie aufgelistet. Die ersten drei davon lauten: „1. Sprachen lernt man, indem man sie lebt. 2. Sprachen lernt man, wenn sie uns – dem Sinn und der Form nach – verständlich zugesprochen werden. 3. Sprachen lernt man von denen, die sie können, und mit guten Texten.“
Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis. Ein Sachregister fehlt leider.

8.9.06

Deutsche Sprachwelt: Unzufriedenheit der Sprachbenutzer

Auf der Internet-Plattform "für alle, die Sprache lieben"
mit dem Namen Deutsche Sprachwelt
wird von einer neuen Untersuchung berichtet, nach der die Deutschen ein sprachempfindliches Volk sind. Die Mehrheit der Sprachbenutzer ist demzufolge

- unzufrieden mit der neuen Rechtschreibung
- ärgert sich über Fachchinesisch
- stört sich an schwer verständlichen Texten
- macht die Medien verantwortlich für die Probleme und
- wirft Schülern und Studenten Gedankenlosigkeit im Umgang
mit der deutschen Sprache vor.

Der genannte Webauftritt wird vom Verein für Sprachpflege e.V. verantwortet.

Die Seiten sind sehr ansprechend gestaltet, gut lesbar und informativ.

Die vom Verein in Auftrag gegebene Untersuchung hat offenbar nicht
nach der Qualität der gesprochenen Sprache im Alltag gefragt.

Zukünftig sollte man auch fragen, wie die Menschen über grammatisch falsches und fehlerhaft gesprochenes Deutsch denken,
z.B. im Baumarkt in Siegburg:
"Habben Sie Kundenkarte?"
oder in einem Bonner Krankenhaus der Arzt:
"Lecken Sie den Arm nebben dem Kopf."

Audio

13.8.06

The Kite Runner

"The Kite runner" by Khaled Hosseini made it to #1 on this year`s New York Times bestseller list of modern fiction in paperback. The author,an Afghanistan born physician who lives in northern California, launched a smashing success with his first novel. In 1980 his father, a diplomat, received political asylum in the United States.

It is worth mentioning the author`s background because the novel echoes the problems of immigrants from Afghanistan who had to flee from their war stricken country and who are struggling with their traditional system of values as they are being confronted with the American way of life.

The book`s theme, however, is the friendship between two Afghan boys whose relationship is complicated because of their father. Friendship, a problematic code of honour, archaic traditional values and the I-narrator`s call for more truth are topics that should attract students in the modern literature classroom.

The story of the two boys culminates in a contest of kite runners.

"But all I heard--all I willed myself to hear--was the thudding of blood in my head. All I saw was the blue kite. All I smelt was victory. Salvation. Redemption. If Baba was wrong and there was a God like they said in school, then He`d let me win. I didn`t know what the other guy was playing for, maybe just bragging rights. But this was my one chance to become someone who was looked at, not seen, listened to, not heard. If there was a God, He`d guide the winds, let them blow for me so that, with a tug of my string, I`d cut loose my pain, my longing. I`d endured so too much, come too far. And suddenly, just like that, hope became knowledge. I was going to win. It was just a matter of when." (K. Hosseini, The Kite Runner, New York 2004, p. 65)

It is told in a masterly way, full of supsense and easy to understand with a lot of dialogue.

The New York Times Book Review writes: "This powerful first novel ... tells a story of fierce cruelty and fierce redeeming love. Both transform the life of Amir: Khaled Housseini`s privileged young narrator, who comes of age during the last peaceful days of the monarchy, just before his country`s revolution and its invasion by Russian forces."

Order at amazon.de.

25.3.06

Duden Abiturhilfen: Reinhard Marquaß, Prosatexte analysieren


Duden Abiturhilfen Deutsch, 11.-13. Klasse: Reinhard Marquaß, Prosatexte analysieren, Grundbegriffe und Methoden, Beispiele und Übungen, Mannheim 2006, 3. Aufl.

In der Reihe „Abiturhilfen“ des Dudenverlags bietet der Band „Prosatexte analysieren“ eine sehr nützliche Vorbereitung auf das Abitur im Fach Deutsch.

Autor und Verfasser sagen im Vorwort, dass sie das Büchlein sowohl als Hilfe zum Nachschlagen und Wiederholen von Grundbegriffen und Fragestellungen verstehen als auch als ausführlichen Lehrgang für die selbstständige Einarbeitung in das Fachgebiet.

In fünf Kapiteln wird die Textanalyse wie folgt behandelt:

  1. Die Gliederung mit Behandlung der Formen der Erzählerrede, der Zeitstruktur, der Formen der Figurenrede, der Analyse der Textgliederung und mit Lösungsvorschlägen zu den Arbeitsaufgaben.
  2. Der Stoff mit den Aspekten der Handlung, der Figuren, des Raumes, der Zeit,der Stoffanalyse und Lösungsvorschlägen zu den Arbeitsaufgaben.
  1. Der Erzähler mit den Unterkapiteln Erzähler und Autor, Er- und Ich-Erzählung, Erzählerverhalten;, Lösungsvorschlge.
  1. Komposition und Stil mit den Kapiteln zur Anordnung und Verknüpfung der Erzählsequenzen, zum Stil, zur Analyse von Komposition und Stil und Lösungsvorschläge.
  1. Klausur mit den Kapiteln Analyseverfahren, Vorarbeiten zur Niederschrift, richtige Darstellung, Lösungsvorschläge.

Die Erklärungen und Definitionen sind sehr gut verständlich, Aufgaben und Musterlösungen beispielhaft.

Da das 112 Seiten umfassende kartonierte Buch leider keine Übersicht über die Texte gibt, die für die Analyse benutzt werden, wird dies hiermit getan:

Text 1: Johann Peter Hebel, Untreue schlägt den eigenen Herrn (1811)

Text 2: Johann Peter Hebel, Schlechter Lohn (1809)

Text 3: Heinrich von Kleist, Franzosen-Billigkeit (wert in Erz gegraben zu werden) (1809)

Text 4: ohne Angabe des Autors, Begegnung um Mitternacht (erste Fassung) (Jahreszahl fehlt)

Text 5: Hugo von Hoffmannsthal, Reitergeschichte (1899)

Text 6: Thomas Mann, Buddenbrooks (1901)

Text 7: ohne Angabe des Autors, Begegnung um Mitternacht (zweite Fassung)( Jahreszahl fehlt )

Text 8: Herbert Malecha, Die Probe (Ausschnitt) (1955)

Text 9: Johann Wolfgang v. Goethe, Die Geschichte des Marschalls von Bassompierre (1795)

Text 10: Johann Peter Hebel, Kaiser Napoleon und die Obstfrau in Brienne (1809)

Text 11: Brüder Grimm, Der süße Brei (1819)

Text 12: Christine Lambrecht, Luise (1982)

Text 13 : Slawomir Mrozek, Schuld und Sühne (1957)

Text 14: Gabriele Wohmann, Wachsfiguren (1973)

Text 15: Bettina Blumenberg, Lau (1981)

Text 16: Franz Kafka, Vor dem Gericht (1914)

Text 17: Vladimir Colin, Der Kontakt (Jahreszahl fehlt )

Text 18: Siegried Lenz, Das unterbrochene Schweigen (1975)

Text 19: Gabriele Wohmann, Grün ist schöner (1960)

Text 20: (ohne Angabe des Autors), Der Kontakt – zweite Fassung (Jahreszahl fehlt)

Text 21: Charles Bukowski, Szenen aus der großen Zeit (1972)

Text 22: Christine Lambrecht, Wohnungsbauer (1982)

Text 23: Heinrich Böll, Monolog eines Kellners (1955)

Text 24: Ilse Aichinger, Das Fenster-Theater (1953)

Text 25: Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe (1856)

Text 26:Ulrich Plenzdorf, Das neue Leiden des jungen W. (1973)

Text 27: Helga Schütz, Festbeleuchtung (1973)

Text 28: Petra Süskind, Das Parfüm (1985)

Text 29:Herbert Malecha, Die Probe (1955)

Text 30: Kurt Marti, Neapel sehen (Jahreszahl fehlt)

Abschließend bleibt zu fragen, weshalb mit dem Farbfoto auf dem Buchdeckel der Leser in die Irre geführt werden muss. Es ist dort eine junge Dame abgebildet, die ein aufgeschlagenes Buch in der Hand hält mit dem Titel „Prosa aus vier Jahrhunderten“.

Der Titel ist so groß gedruckt, dass man ihn als Anspielung auf das vorliegende Büchlein missverstehen kann, das nach obiger Liste nur Texte aus dem 19. und 20. Jahrhundert berücksichtigt. Im Falle einer Neuauflage könnte dies korrigiert werden.

Es wäre auch nützlich, wenn die Liste der Texte mit Ergänzung der oben bezeichneten fehlenden Daten am Ende des Buches zu finden wäre.

Günther Miklitz

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Vom selben Verfasser: Duden-Abiturhilfen: Dramentexte analysieren

23.3.06

Duden: Schreiben lernen - Neues Heft für Vorschulkinder

Die Fachleiterinnen für Pädagogik und Anfangsunterricht Ulrike Holzwarth-Raeter und Ute Müller Wolfangel haben im Dudenverlag ein 24 Seiten umfassendes Heft im DIN A4-Format für das Schreibenlernen im Vorschulalter veröffentlicht. Das Heft ist reich an kindgerechten, meist farbigen Zeichnungen. Zwei lustige Comic-Figuren, ein Hund und ein Biber, motivieren die Kinder beim ersten Arbeiten mit Großbuchstaben in Druckschrift.

Eltern und Erzieherinnen finden am Anfang des Heftes ein paar Empfehlungen und eine Übersicht über seinen Aufbau. Dabei wird einleitend darauf hingewiesen, dass jedes Kind seinen persönlichen Zugang zur Schrift findet. Deshalb müsse es über basale Wahrnehmungsfähigkeiten verfügen und die Einsicht erlangen, dass die Buchstabenfolge eines Wortes seine hörbare Lautfolge abbildet. Sodann wird zu Recht in fett gedruckten Worten betont: "Deutliches Sprechen und genaues Hören sind Grundlagen ersten Schreibens."

Die Schreibübungen bestehen neben wenigen Aufgaben für die Entwicklung der Feinmotorik überwiegend aus dem Einsetzen oder Zuordnen von Buchstaben. Für die Verbesserung der Fingerfertigkeit sind ein paar Anleitungen gegeben, wie man eine Faltschachtel baut oder Tischkarten erstellt.

In den Händen der Kinder dürfte sich der abwaschbare Karton und das Blättern mit festem und starkem Papier bewähren. Ganz sicher werden die schönen lustigen Illustrationen sowohl kleinen als auch großen Leuten gefallen. Ein erster kurzer Test mit ganz jungen Probanden in der eigenen Familie kam zu dem Ergebnis: Ein gut gemachtes Heft, das Freude bereitet und in Verbindung mit der rechten sprachlichen Begleitung durch Eltern und Erzieher gewiss die erwünschte Grundlage für die spätere Entwicklung der Schreibkultur legen kann.

Ulrike Holzwart-Raeter/Ute Müller Wolfangel, Duden: Vorschule - Jetzt lerne ich schreiben

Günther Miklitz

Buchtipp: Christine Bauer, Mein buntes superdickes Vorschulbuch, 7,95 Euro

21.2.06

Klaus Werner, Duden-Abiturhilfen, Englische Texte analysieren

Klaus Werner, Duden-Abiturhilfen, Englische Texte analysieren, Textanalysen und Textinterpretationen selbstständig erarbeiten, 11. bis 13. Klasse, 2. aktualisierte Ausgabe, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2006, 106 Seiten, kartoniert, Ladenpreis 9,95 Euro (D), 10,30 Euro (Au), 18,20 sFr.

Die von Klaus Werner verfasste Abiturhilfe „Englische Texte analysieren“ ist in der vom Dudenverlag herausgegebenen “Duden – Abiturhilfen“ erschienen. Sie ist für die Hand des Schülers/der Schülerin gedacht und soll die selbstständige Erarbeitung der typischen Abituraufgaben von Textanalysen und Textinterpretationen unterstützen.

Dabei zeichnet sich die Hilfe durch klar und verständlich formulierte Erklärungen zu den Aufgabentypen aus.

In englischer Sprache werden typische Fragen und Aufgaben zu den Aspekten von Inhalt, Form und Stellungnahme aufgelistet. Auf sechseinhalb Seiten wird eine englischsprachige Sammlung von Vokabeln („link words oder connectives), Strukturen und Wendungen sowie von Beispielsätzen gegeben, die leicht gelernt werden können, da auf den Listen Anwendungsgruppen gebildet sind. Für den jeweiligen Verwendungszweck findet man dann leicht in Frage kommende Formulierungen.

Den Schwerpunkt bilden 30 englischsprachige Texte, die exemplarisch für die verschiedenen Aufgabenarten angeboten werden, wozu jeweils eine englischsprachige Musterlösung gehört.

Die Auswahl der Texte berücksichtig Autoren, die in der Regel in den Schulen gerne gelesen bzw. durchgenommen werden - zumindest von den Lehrern.

Im letzten Kapitel werden vier aus Rheinland-Pfalz stammende Musterklausuren mit Lösungsvorschlägen gegeben. Allerdings handelt es sich ausschließlich um Arbeiten zu literarischen Texten. Leider überwiegt das Literarische auch in der bereits erwähnten Sammlung von dreißig Texten, von denen nur eine Handvoll nichtfiktionaler Natur sind.

In dem insgesamt sehr übersichtlich gestalteten und für die Vorbereitung auf das Abitur sicherlich sehr nützlichen Bändchen vermisst man am Ende ein Verzeichnis der Texte mit Quellenangaben und Autoren.

Günther Miklitz

Gertrud van den Berg, Lehrer. Was sie leisten. Was sie leiden. Was sie brauchen.

Gertrud van den Berg, Lehrer. Was sie leisten. Was sie leiden. Was sie brauchen.
Herder Verlag, Freibug im Breisgau 2005, 158 S., 8,90 Euro.

Die Autorin des 158 Seiten umfassenden Taschenbuches mit dem Titel „Lehrer - Was sie leisten. Was sie leiden. Was sie brauchen.“ ist Diplompädagogin mit Unterrichtserfahrung in Hauptschule, Realschule und Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen (Ruhrgebiet). Wie der Titel bereits andeutet, geht es Gertrud van den Berg in ihrem Buch darum, das anspruchsvolle Thema von Leistung, Belastung und möglicher Neugestaltung der Arbeit des Lehrers zu reflektieren.

Sie löst ihre Aufgabe, indem sie aus der Perspektive einer Gesamtschullehrerin namens Stolte die Fülle der bekannten Arbeitslast einer Lehrkraft im Alltag beschreibt. Dabei kommt die ganze Palette von Problemen im heutigen Lehrerberuf zur Sprache, u..a. schwierige Schüler, ungünstige äußere Bedingungen, Verdichtung der Arbeitszeit, neue Kontrollen von außen (Vergleichstests, Schulstandards, Schulinspektionen), Strukturveränderungen (z.B. Schulleiter als Dienstvorgesetzter), Versagen der Eltern, Suchtprobleme, Gewalt, Schuleschwänzen, falsche Mediennutzung. Offenbar will die Autorin zu recht mit immer noch in der Gesellschaft vorhandenen Vorurteilen und einem falschen Bild vom Beruf des Lehrers aufräumen.

Zunächst entsteht so eine Negativschau, der mittlere Wahnsinn einer in der Praxis verkommenen Schulidee, die jeden vernünftigen jungen Menschen davor abhalten sollte, selbst diesen Beruf zu ergreifen. Das ist natürlich nicht die Intention der Autorin.

Auf jeden Fall gelingt es ihr, die Herausforderungen im Lehrerberuf heute auf gut lesbare Weisezu verdeutlichen, weil sie die Probleme aus der Alltagssicht einer Gesamtschullehrerin beleuchtet. Durch die Wahl dieser Perspektive findet zwangsläufig eine gewisse Einengung statt, was auch durch die ausschließliche Fokussierung auf Nordrhein-Westfalen geschieht. Der Literaturnachweis am Ende des Buches zeigt dies. Quellen aus der Tagespresse und aus Zeitschriften (in der Regel aus NRW) nehmen einen breiten Raum ein.

Aber es wird auch nicht versäumt, gesellschaftlich diskutierte und zum Teil bereits erprobte Heilmittel darzustellen. Allerdings bleiben einige Vorschläge etwas dünn, z. B. das Potential, das durch den Einsatz neuer Medien unter dem kritischen Gesichtspunkt einer zu korrigierenden Mediennutzung zu entfalten wäre. Völlig zu kurz kommt die Kritik an einer falschen Personalpolitik der Behörden (überalterte Lehrerschaft, falsche Beförderungspraxis) sowie die fehlende Allokation von gesamtgesellschaftlich durchaus vorhandenen und benötigten Finanzmitteln in den Schulbereich.

Zum Glück ist die Berufssituation des Lehrers in vielen Schulen, etwa in den im Buch nicht behandelten Privatschulen und Gymnasien durchaus auch so, dass das Erfreuliche überwiegt.

Am meisten vermisst der Rezensent unter den Lösungsvorschlägen für eine Beendigung der Misere die Anerkennung des guten Lehrers durch ein Plädoyer für den Beamtenstatus und für eine Umkehr des bestehenden Gratifikationssystems: Während viele gute Pädagogen unter den gegebenen Bedingungen bestrebt sind, das Klassenzimmer (Oder die Klassenzimmer-Misere? s. o.) schleunigst und auf immer zu verlassen, indem sie Karrieren im Hochschulbereich und in der Verwaltung beginnen, sollte die wahre pädagogische Leistung, nämlich der über Jahre hin fachlich qualifizierte und erzieherisch positiv wirksame Unterricht besonders belohnt werden. Dann brauchte man sich um den Nachwuchs vermutlich keine Sorgen zu machen.

Das Buch schließt mit der Forderung nach mehr Praxisorientierung in der Lehrerausbildung und einer „abschließende(n) Beurteilung der eingeleiteten Maßnahmen“. Dabei hat der Vorschlag, vom Jugendrotkreuz ausgebildete Schüler als Schulsanitäter einzusetzen, etwas Gutes, erscheint aber am Ende eines mit Ansprüchen geschriebenen Buches als fast rührend.

Günther Miklitz


30.11.05

"Wohnst du noch oder lebst du schon?" - Anmerkungen zur Sprache eines Möbelkatalogs

Ein bekannter Möbelhändler unterscheidet mit dem Werbeslogan "Wohnst du noch oder lebst du schon?" zwischen "wohnen" und "leben". Wer bei Googel nachschaut, findet, dass der Slogan so weit bekannt ist, dass er schon wie ein Sprichwort in allen möglichen Zusammenängen benutzt und zum Teil kreativ abgewandelt wird. In diesem Slogan wird "noch" kontrastiert mit "schon". Dem Leser wird so eingeredet, dass bloßes "Wohnen" weniger sei als "Leben".

Ob bei den Werbetextern das englische Wort "to live" Pate gestanden hat? In der englischen Sprache können die Menschen tatsächlich nur "wohnen"und "leben" in einem Wort, denn es gibt nur das Wort "to live", wenn man einmal von dem vornehmen "to reside" oder anderen selten vorkommenden Wörtern absieht. Im Deutschen haben wir im Sinnbezirk "wohnen" sogar Wörter wie "Wohnwert", Wohnkultur"oder "wohnlich". Wir können auch zwischen Wohnzimmer und Wohnraum unterscheiden. Den Wohnbegriff mit dem Verb "wohnen" wird man sich also nicht von der Werbung madig machen lassen, denn im Deutschen kann man nicht ohne verlustreichen Eingriff ins Bedeutungssystem der Sprache einfach "wohnen" durch "leben" ersetzen.

Derselbe Möbelhändler hat in diesen Tagen Deutschlands Haushalte mit einer Postwurfsendung beglückt, in der er "Tafelfreuden zu festlichen Preisen" anbietet. Gemeint sind seine Produkte in der Vorweihnachtszeit 2005.

Bemerkenswert sind die Werbetexte. Auf der Titelseite heißt es pseudophilosopohisch:
"Das Leben ist schön mit seinen Ecken und Kanten." Die allgemeine Aussage über Leben wird bildhaft (metaphorisch) konkretisiert. So denkt eben ein Möbelhändler, er denkt an seine Tische und Schränke, und die haben " Ecken und Kanten". Dabei kommt den Autoren zu pass, dass "Ecken und Kanten" bereits eine im Deutschen geläufige Redewedung ist.

Und dann geht es weiter mit: "Phantastischer Dienstag" - "Tolle Angebote erwarten dich!"
Das Ausrufezeichen signalisiert gemeinhinn Lautstärke. "Phantastisch" und "toll" sind Übertreibungen. "Toll" kann eigentlich nur für Lebewesen benutzt werden. Damit werden
abstrakte "Angebote" - ganz wie in der Jugendsprache üblich - lebendig gemacht. Die Redefigur der Übertreibung ist zudem noch ergänzt durch die direkte Anrede des Lesers mit dem kumpelhaften "du". Schwedisch- oder englischsprachige Umgangsformen, in denen das höfliche "Sie" nicht vorhanden ist, klingen an.

Auf der zweiten Seite des Prospekts wird der Leser gleich mit zwei Ausrufen zum Kaufen kommandiert:
"Einmal Neujahrssuppe mit Tannenbaumeinlage bitte!" Interessant, was für eine Speise der schwedische Möbelhausbesitzer als Neujahrsgericht empfiehlt. Wie wäre es mit einer Adventskranzeinlage? Oder ein bisschen Engelhaar mit Lametta?

Der zweite Ausruf lautet: "An die Festtafel!" Es folgt eine kulturtypische Einschätzung des Weihnachtsfestes. Dieses ist an derselben Stelle den Werbetextern zwar durchaus als "Fest der Liebe"bekannt. Aber sie beschreiben seine vermeintliche Realität in einem ganz anderen Verständnis:

"Die Geschenke sind eingepackt, die Weinregale biegen sich durch, der Kühlschrank platzt aus allen Nähten: Nur noch ein paarmal schlafen, dann steht Weihnachten - und damit die große Zeit des Schlemmens und Genießens vor der Türe."

Es hat niemand gesagt, Weihnachten sei das Fest des Fressens und Saufens. Aber denken wird man es schon, zumal die Benutzung zweier Gläser auf Seite 19 als praktisch in dem Sinne bezeichnet wird, dass "erst der Alkohol" kommt und "dann das Aspirin."

"Schlemmen und Genießen" ist die in der Rhetorik bekannte Doppelaussage zur Verdeutlichung einer Idee, hier der Idee des luxuriösen Konsums von Lebensmitteln. Und was für ein "schönes" Bild vom Aus-den-Nähten-Platzen des Kühlschrankes! Gemeinhin platzt man in seinem zu eng gewordenen Anzug aus den Nähten.

Die Textstelle endet mit dem Zuruf: "Komm doch einfach mit deinem Schlitten vorbei und schau rein!"

Das umgangssprachliche Wort "Schlitten" für Auto macht den möglichen Kunden zum Weihnachtsmann, denn der fährt bekanntlich mit einem Schlitten im eigentlichen Sinne des Wortes. Dass dies wirklich so gemeint ist, erfährt der Leser auf Seite 6 oben, wo er mit dem Hinweis auf die Benutzung von Servietten mit dem Satz "Denn auch Weihnachtsmänner kleckern mal!" tatsächlich indirekt zum Weihnachtsmann wird, zumal zu einem mit problematischen Tischsitten.

Auf den Seiten 8 und 9 wird der Leser aufgefordert, "Rache" zu "üben" an seinen Gästen. Denn angeblich haben sie ihm "selbst gestrickte Socken" geschenkt. Diese Rache dürfte gelingen, wenn er den Klapptisch von Seite 9 kauft, zu dem es in Anspielung auf den Artikelnamen heißt: "Da passen lokka (!) alle Festgäste dran!" Wieder ein Ausruf. Auf dem Markt muss man eben schreien. Vielleicht verstünde sonst manch einer die Wandlung von "locker" zu "lokka" nicht.

Auch auf Seite 30 soll der Artikelname - mit der deutschen Alltagsprache gleichgesetzt - wohl etwas schwedisch aussehen (du "bist" wird zu du "byst"): "Wenn du alle byst, sitzt du hier prima!"

Sprachspiele der einfachen Art ist die Stärke dieses Katalogs: Das schöne Sprichwort "Im Dunkeln ist gut munkeln." wird mit Anspielung auf einen Leuchter verballhornt zu "Im Dunkeln ist gut funkeln."

Es überwiegt der Eindruck, dass lockere Sprüche gemacht werden, die an bestehende Sprachschablonen anknüpfen. Mit leichter Veränderung sollen sie den Eindruck erwecken, dass man mit den angebotenen Produkten den Geschmack eines Publikums trifft, dem offenbar die Neigung zu seichtem Humor und wenig Geist zugeschrieben wird.
G. Miklitz

Mehr über Ikea:

12.10.05

Mittelalterlicher Markt in Korbach am 8./9. Oktober 2005




Die Gruppe Stracke Duer bei dem Spektakel "Gefangene Raubritter werden durch die Stadt geführt und dann gegen Lösegeld freigelassen"

Der Mittelalterliche Markt in Korbach, jährlich an einem Wochenende Anfang Oktober, füllt die Fußgängerzone der Innenstadt mit Tausenden von Menschen.

Im Sommer zieht das Altstadtfest mit Wein und Kultur eine wohl ebenso große Zahl von Besuchern an. Demgegenüber sind die seit Jahrhunderten stattfindenden Jahrmärkte ins Hintertreffen geraten, weil dort der Warenhandel keine Rolle mehr spielt und der Rummelbetrieb langweilig geworden ist. Korbachs Bürger und die Besucher aus dem Umland haben sich neu orientiert. Zwei Aufwertungen sind gelungen: eine kulturelle Belebung der Altstadt und eine folkloristisch geprägte Anregung des Einzelhandelsgeschäfts in der Fußgängerzone der Innenstadt.

Der mittelalterliche Markt am Oktoberwochenende 08./09. 2005 veranlasst den Besucher zu ein paar kritischen Anmerkungen.

Das Wetter war sehr gut, der Markt wurde sehr gut besucht, sowohl von Korbachern als auch von vielen Touristen.

Was reizt zu einem Besuch dieses Marktes?

An erster Stelle gewiss die Freude am Spektakel, dargeboten durch verschiedene Gruppen und Vereine; an zweiter Stelle vielleicht das Treffen von Freunden und Bekannten an Bier- und Weinständen sowie in den Straßencafes. Gewiss aber auch das Angebot von guten Back- und Fleischwaren aus der Region sowie von allerlei handwerklichen Produkten. Alles thematisch unter dem Rahmen des mittelalterlichen Lebens zur Schau gestellt.

Offenbar sind die Menschen der Alltagswelt des modernen Kommerzes mit Musikberieselung, raffinierter Werbung und industriell gefertigter Produkte leicht überdrüssig. Das Mittelalter verspricht eine neue Anregung der Sinne. Zum Glück nicht mehr in Form von stinkendem Unrat und Kloaken in den Straßen wie zu damaligen Zeiten. Seinen Akteuren erschließt der mittelalterliche Markt Nischen, in denen etwas Geld zuverdienen ist. Die Besucher haben die Chance, etwas vom einfacheren Leben vergangener Zeiten zu erfahren, und zwar in einem Stadtbild, das noch heute durch Gebäude und Grundriss aus der Zeit vor 500 Jahren geprägt ist. Der Marktbesucher wird Zeuge einer eigentümlichen Belebung dieser Stadt, insbesondere durch das Auftreten einzelner Gruppen in mittelalterlicher Kleidung. Das zeugt von der Freude der Menschen an Verkleidung und am Spiel in einer Rolle.

Drei Begegnungen seien herausgegriffen:

In der Bahnhofstraße erfreute ein historisch aufgemachtes Karussell die Kinder.

Es hatte keinen modernen Antriebsmotor, sondern wurde per Hand von jugendlichen Helfern gedreht. Der technisch Interessierte konnte erfahren, dass es mit seinem rustikalen Äußeren durchaus nicht simpel war, sondern über ein hochwertiges Getriebe mit exzellentem Kugellager verfügte. Das machte die Drehungen fast zum Kinderspiel. Idee und Ausführung konnten gefallen: technisch hochwertige Mechanik gepaart mit Energieeinspaarung – und das alles ohne das nervtötende Musikgedröhne der herkömmlichen Rummelplätze.

In der Professor-Bier-Straße erklärte ein als Germane verkleideter Mann die Magie der Buchstaben und versuchte das gemeinsame Erbe anschaulich zu machen: Buchstaben dienten dem Zauber, es waren Stäbchen aus Buchenholz, in die Runenzeichen eingeritzt waren. Diese Zeichen hatten vielfache Entsprechungen in der Sprache der Menschen und in ihrem kommunikativen Verhalten. Bis heute sei der Zauber der Runen noch im Sprechen und in den Gebärden aufspürbar.

In der Nähe des Rathauses hatte ein Gaukler seinen Stand. Marktschreierisch lockte er Kundschaft an, um ihr jeweils einen Euro abzujagen, was ihm durch ein Spiel gelang, das einem Glücksrad ähnelte.
Eine Maus wurde ins Zentrum gestellt, damit sie eines der Löcher oder Häuschen aufzusuchte, auf die jeweils eine Münze gesetzt war.

Der mittelalterliche Markt mit seinen Angeboten an die Sinne hat offenbar viele Menschen begeistert. Die Akteure sind leibhaftige Personen, die etwas von dem echten Leben andeuten, das früher die Menschen ansprach. Diese Art der Begegnung mit früher wird offenbar von einer modernen Gesellschaft als angenehmer Zeitvertreib in einer Bilderwelt empfunden, die im Alltag von Radio, Fernsehen und Internet geprägt ist und das Echte vermissen lässt.

copyright 2005



Buchtipp:Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren (14,90 Euro bei Amazon)
von

20.2.05

Korbach und das Waldecker Land


Nikolaikirche in Korbach: Der Turm ist viel älter als die offizielle Stadtgeschichte sagt. Die Lokalzeitung WLZ berichtet über Entdeckung bei Sanierungsarbeiten (2005)Posted by Hello
Videokassette bei Amazon

8.1.05

Book Review: Sowell, Race and Culture

Thomas Sowell, Race and Culture
- A World View

Thomas Sowell, a black senior fellow at the
Hoover Institution at Stanford University has aroused
much controversy with his 329 page-long book on race and
culture. His thesis runs contrary to most current trends in
social sciences. And it seems incompatible with most
assumptions underlying government policies and estabished
academic notions with regard to racial and ethnic minorities.

Sowell's thesis maintains that differences in productive
skills and cultural values are the key to understanding
the advancement or regression of ethnic groups. In his
opinion, skills and values make up the cultural capital
of an ethnic group or of a people, whereas politics,
environmental factors and genetics do not play the important
roles widely attributed to the success of a group or nation.

Since Sowell's central topic is the universe of values,
the reader will easily accept the general layout of his
book: a world view. In order to make his universal
perspective convincing, Sowell pays his respect to
a one page long list of scholars world wide from whose
wisdom he has been able to draw.

What is the result of Sowell's approach to "Race
and Culture"? We learn that certain peoples have
been more or similarly successful than others because
of their human capital, their particular pattern of
cultural values which enabled them to perform better
than others. The Jews are said to have prospered
wherever they went in the world because they were
experts in the textile business. Italian immigrants
were often similarly successful in the field of wine
production. The Germans are said to have always been
successful farmers and craftsmen, and the Chinese
succeed everywhere as retailers and restaurant owners.

In one chapter he goes into the question whether
intelligence tests allow any conclusion as to the genetic
supremacy of one race over the other. The answer is
negative. Chinese and some other immigrant groups have
been economically and socially successful in America
regardless of how they score on intelligence tests. This
proves, in his opinion, that inherited traditional values and
skills as well as the culturally based capacity to adapt to
new conditions are the essential factors, and not genetics.

He says the assumption that always environmental conditions
are the determining factors of a group's success or failure
is wrong. Consequently, he does not think that a disad-
vantaged group of American society like the uneducated and
poor blacks could be put on their feet by just improving the
environmental factors of their lives.

Throughout his argumentation he reproaches the
intellectuals of often taking the lead in spreading
misconceptions of history and doing harm to society:
"The role of soft-subject intellectuals - notably professors
and schoolteachers - in fermenting internal strife and
separatism, from the Basques in Spain to the French
in Canada, adds another set of dangers of political
instability from schooling without skills." (p. 24)

He believes in hard core skills like the technologies
and crafts which are the basis of cultural success.
Cultures are conceived of as dynamically engaged
in a competitive process in which the weaker and
less successful elements are weeded out. At that,
there are many parts of group cultures which do not
deserve any respect. That is why he thinks the notion
of "mutual respect" cannot always hold as a premise when
comparing cultures.

To his mind there is the widely observable development of a
modern world culture which gradually overcomes those cultures
which are less apt. This looks much like social Darwinism.

No wonder that the book may easily be misunderstood
as ultra conservative. In fact, its title would be almost
impossible to translate directly into German because of
the nazi connotations of the word "race".

The book provides stimulating reading because
nowhere else does one get such a pragmatic concept
with a material and substantial understanding of culture.
Probably everybody has secretly believed that according
to his private observations certain nations and cultures are
more or less successful and deserve more or less respect.
But for the sake of not nurturing prejudices everybody
refrains from speaking out.

On the other hand it must be feared that the book will
be grist to the mill of those conservative forces in society
who have always believed that only they themselves deserve
to be rich and powerful because in their blindfolded eyes the
lower strata of society lack cultural stamina and don't like to work
hard.

Guenther Miklitz

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30.12.04

Umberto Eco, Baudolino (Roman)

Umberto Eco, Baudolino (Roman), München 2003, übers. v. Burkhart Kroeber, Deutscher Taschenbuchverlag, 12,50 Euro.


„Wenn einer nicht auf dem gewohnten Weg vorankommt, sucht er sich hintenrum eine bessre Straße. Die Art der Erfindung ist sehr mannigfaltig; doch um das Gute zu finden, muß man, ich hab`s erprobt, in umgekehrter Richtung gehen.“


Dieses Zitat aus einem zeitkritischen Gedicht von Galileo Galilei (1590), hat Umberto Eco seinem 633 Seiten umfassenden Roman „Baudolino“ als Motto vorangestellt. Auf entsprechende Weise erzählt er uns die Lebensgeschichte von Baudolino, einem „mit allen Wassern gewaschenem Schelm und Abenteurer“ in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Während bei Galilei „Erfindung“ und „Phantasie“ das naturwissenschaftliche Denken dialektisch beflügeln, ist es bei Eco die zur Erzählkunst stilisierte Lüge des Protagonisten als schöpferischer Umgang mit der historischen Wahrheit.


Das Einleitungskapitel ist sprachlich in Anlehnung an das Mittelhochdeutsche geschrieben und bedarf der Geduld beim Einlesen. Es ist der fingierte Anfangsteil der Biographie des Romanhelden, der angeblich auf gestohlenem und abgeschabtem Pergament seines Lehrers Bischoff Otto von Regensburg schreibt. Im italienischen Original handelt es sich um eine dialektgefärbte Variante des Italienischen, die sich der Autor - nach eigenem Bekunden in einem Interview- ausgedacht hat. Dem Übersetzer, Burkhart Kroeber, ist die Übertragung ins Deutsche nicht nur an dieser Stelle sehr gut gelungen.


Baudolino ist als 13-jähriger Bauernjunge aus dem Piemont zu Kaiser Barbarossa gekommen, als dieser mit seinem Heer auf dem Vierten Kreuzzug durch Italien zieht. Der Kaiser findet Gefallen an dem besonders sprachbegabten Jungen und adoptiert ihn. Im zweiten Kapitel begegnet Baudolino dem Kanzler des Kaisers von Byzanz, während Konstantinopel von den Kreuzrittern erobert und zerstört wird. Er zeigt ihm das erwähnte Pergament und erzählt seine Geschichte. Sodann aber übernimmt der allwissende Erzähler das Geschehen und entfaltet in 39 weiteren Kapiteln von jeweils 5 bis 20 Seiten Länge ein historisches Panorama: Baudolino wird zum Rhetorikstudium nach Paris geschickt und erlebt die Feldzüge des Kaisers gegen die oberitalienischen Städte und seinen Kreuzzug ins Heilige Land. Der Leser wird Zeuge von Gesprächen über historische Begebenheiten und ihre politische Einschätzung – zumeist gewürzt mit Ironie, Humor und Anspielungen. So tröstet Baudolino zum Beispiel seinen Kaiser nach einer Niederlage durch die oberitalienischen Städte mit folgenden Worten: „(...) bei diesen Städten wirst du immer verlieren, weil du sie zur Ordnung zwingen willst, die ein Kunstprodukt ist, während sie in der Unordnung leben wollen, die der Natur entspricht (...)“


Soweit der Rezensent als Nichthistoriker sehen kann, entspricht der historische Rahmen der bekannten Geschichtsschreibung. Auch theologische oder philosophische Themen der Zeit, z. B. die Auseinandersetzung zwischen der etablierten kirchlichen Lehre und den Nestorianern, werden richtig und vor allem gut verständlich dargelegt.


Wer sich für historische Stoffe interessiert, findet einen Teil der Geschichte Barbarossas lebendig erzählt. Aber er sollte historisches Grundwissen mitbringen, damit er erkennen kann, welche Fülle von phantastischen Erzählteilen mit dem historischen Kern verbunden ist. Die Fabulierfreude des Autors ist vermutlich nicht jedermanns Sache, vor allem nicht für jene Leser, die eine klar strukturiert und spannende erzählte Geschichte suchen, um die Zeit Barbarossas besser zu verstehen.


Im letzten Kapitel hat der Autor im Grunde bereits kritische Einwände vorweggenommen, als er zwei Romanfiguren über den Wahrheitsgehalt von Baudolinos Geschichte nachdenken lässt: „Ja, ich weiß, das ist nicht die Wahrheit, aber in einer großen Geschichte kann man kleine Wahrheiten ändern, damit die größere Wahrheit hervortritt. (...) Früher oder später wird sie jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino.“


Günther Miklitz


18.12.04

Buchbesprechung: Dagmar Giersberg, Deutsch unterrichten weltweit

Dagmar Giersberg, Deutsch unterrichten weltweit. Ein Handbuch für alle, die im Ausland Deutsch unterrichten wollen" ist 2004 im W. Bertelsmann Verlag in Bielefeld in vollständig überarbeiteter Auflage erschienen, aktualisiert und ergänzt.

In diesem Ratgeber werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie man Deutsch als Fremdsprache im Ausland unterrichten kann (als Praktikant, Fremdsprachenassistent, Lektor oder Lehrer). Zudem werden DaF-Studiengänge und Fortbildungsmöglichkeiten vorgestellt. Daneben gibt es Informationen zur Stellung der deutschen Sprache in der Welt, zu Mittlerorganisationen und Verbänden in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zu Zeitschriften und Unterrichtsmaterial etc.

In unserer Besprechung der Erstauflage 2002 schrieben wir:
Buchbesprechung: Dagmar Giersberg, Deutsch unterrichten weltweit, Bielefeld 2002,  232 Seiten, 14,90 Euro  
Das Buch „Deutsch unterrichten weltweit“
von Dagmar Giersberg schließt eine Lücke
. 
Eine Informations- und Orientierungslücke, die bislang für jeden bestand, der im Ausland Deutsch unterrichten wollte und der keinen einschlägigen Studiengang in Deutsch als Fremdsprache durchlaufen hatte.
Der Rezensent erinnert sich an drei Vorbereitungen für pädagogische Einsätze im Ausland: nach Frankreich durch den Pädagogischen Austauschdienst, nach Spanien durch das Bundesverwaltungsamt und nach China durch den DAAD. Vor jeder Entsendung war es erneut nötig, sich einen Überblick zu verschaffen über Ämter, Institutionen, Organisationen und Materialquellen, mit denen man als Deutschlehrer im Ausland zu tun hat oder zu tun haben könnte. In China begegnete man sogar vereinzelt Lektoren, die von Entsendestellen kamen, mit denen man gar nicht gerechnet hatte. Hätte man als junger Auslandslehrer das nun vorliegende Handbuch „Deutsch unterrichten weltweit“ zur Verfügung gehabt, wäre manches schneller und leichter zu haben gewesen.
Man findet in diesem Ratgeber die Aufgaben der verschiedenen Mittlerorganisationen beschrieben, bekommt relevante Adressen, einschließlich Web- und E-Mail-Adressen, und man kann sich kurz über finanzielle, kulturelle und rechtliche Rahmenbedingungen sowie über die ganze Palette fachlicher Aspekte des Themas Deutsch als Fremdsprache im Ausland informieren.
Im Internet ist bei Amazon eine Leserrezension veröffentlicht, die besonders die Adressensammlung von Ministerien, Mittlerorganisationen und Verbänden kritisiert, da man sie leicht im Internet auffinden könne, zumal in der jeweils aktuellen Fassung.
Dem ist entgegenzuhalten, dass man nicht immer einen schnellen Internet-Rechner zur Hand hat und dass es gerade für die Aktiven im Bereich Deutsch als Fremdsprache im Ausland sehr nützlich sein dürfte, diese Informationen praktisch gebündelt und übersichtlich jederzeit erreichbar im Bücherregal zu haben.
Um der Autorin gerecht zu werden, sollte man den Untertitel des Buches lesen: „Ein Handbuch für alle, die im Ausland Deutsch unterrichten wollen.“ Wer jedoch den verhältnismäßig neuen Studiengang Deutsch als Fremdsprache durchlaufen hat, kann vermutlich auf die kurzen Hinweise zu interkulturellen Differenzen und didaktischen Aspekten verzichten. Wahrscheinlich verfügt ein solcher Absolvent eines Fachstudium auch schon über eigene Unterrichtserfahrung im Ausland.
Das Buch aber wendet sich hauptsächlich an diejenigen, die eine erste Orientierung benötigen. Es darf eben nicht missverstanden werden als ein Handbuch der Fremdsprachendidaktik für Deutsch als Fremdsprache - DaF. Der Nicht-Fachmann in dieser Unterrichtskunst findet ein ganzes Kapitel über die Ausbildung zum DaF-Lehrer und über entsprechende Studiengänge. Es handelt sich also eindeutig um einen Leitfaden für Novizen der Zunft und für DaF-Laien, vor allem für solche, die noch nicht recht wissen, ob sie überhaupt in den Auslandseinsatz gehen wollen.
Diese Leser werden von der Autorin, die selbst durch verschiedene Erfahrungen im Ausland und bei Mittlerorganisationen ausgewiesen ist, geradezu umworben. Man spürt die Begeisterung, mit der die schöne und gewiss nicht leichte Arbeit des Deutschunterrichtens im Ausland schmackhaft gemacht wird. Dabei kommt es dem gestandenen Deutschlehrer jedoch beim Lesen der Einleitung des Buches zunächst so vor, als gehe es mit der flotten Apostrophierung des Lesers etwas allzu sehr in Richtung studentische Redeweise: „Raus aus dem Land, in dem Sie jeder versteht, in dem Sie sich auskennen – quälende Langeweile. Raus, raus, raus. Aber wie?“ (S. 9). Aber das steht sprachlich im Gegensatz zu den Hauptteilen, die in der Formulierung sachlich, fachlich und stilistisch angemessen erscheinen. – Recht so, denn es ist doch ein Fachbuch!
Kreativ und ansprechend Formuliertes findet der interessierte Leser an passender Stelle in den Teilen des Buches, die Erfahrungsberichte von jungen Lehrkräften bieten, z. B. aus Norwegen, aus Russland, aus Südkorea, aus Polen und aus Laos. 
--„Üppiges Grün, sanfte Hügel, vereinzelte Kokospalmen und um den Flughafen ein Meer aus Reisfeldern, die sich gleichmäßig wie Wellen im scheinbar weichen Monsunwind bewegten.“ (S. 189)
--„Ich hatte nicht erwartet, dass man mir aus dem Stegreif Schubertlieder vorsingen konnte, und auch wenn man Karajan für einen Komponisten hielt, musste ich im Gegenzug zugeben, nicht einen einzigen koreanischen Musiker, Schriftsteller oder Künstler zu kennen.“ (S. 93)
-- „Andere Sprachen, andere Erfahrungen sind hier selbstverständlicher als in überwiegend monoethnischen, monolingualen Regionen, in denen ‚das Andere’ zunächst mal als ‚das Fremde’, zuweilen gar mit bedrohlichem Beigeschmack, empfunden wird.“ (S. 64)
-- „Im Falle des Spracherwerbs beschränkt man sich weitgehend auf kontrastive Grammatikschulung und die guten alten Übersetzungsübungen. Außerhalb des Unterrichts aber beklagt man dann den Bildungs- und Werteverlust unter den Studenten, die keinen goethischen Faust mehr rezitieren können.“ (S. 34)
Damit werden Eindrücke vom Unterrichten in der Fremde vermittelt, von den Herausforderungen, von den Reizen und davon, dass es auch darum geht, sich selbst zu verändern bzw. die eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten.  Das bedeutet auch bereit zu sein für die Revision bisheriger Positionen.
Kurzum: Deutschunterricht als Begegnung mit der Fremde und die Rückwirkung auf das Selbst. Das motiviert zum Hinausgehen und zum Auslandseinsatz für DaF.
Das erste Kapitel des Buches heißt: „Die deutsche Sprache in der Welt“ und eröffnet  den Blick auf eine Reihe von Aspekten.
Der Aspekt ‚Deutsch als Wissenschaftssprache’ mag verdeutlichen, warum dem Rezensenten ein tiefer gehender Blick in diesem Teil des Buches besser gefallen hätte: Zwar führt die Autorin unter ihren etwa 30 Buchtipps auf S. 194 den Titel „Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache?“ von Ulrich Ammon an.
Sie referiert auch zusammenfassend – gleichsam die kritischen Spitzen glättend – die dort beschriebene Tendenz eines allgemeinen Rückganges der deutschen Sprache in der Welt (S. 15), ohne jedoch in einer Fußnote die Quelle zu belegen. Nun gut, es ist eben kein Buch für Wissenschaftler. – Inhaltlich gesehen wäre Klartext besser wie vom Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen Kurt-Jürgen Maaß, der sich ausdrücklich auf Ammon beruft: Deutsch hat keine große Chance mehr als Wissenschaftssprache, weltweit werden nur noch knapp über ein Prozent aller naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen in deutscher Sprache verfasst. „Selbst viele deutsche Literaturwissenschaftler sind dazu übergegangen, wissenschaftliche Aufsätze auf Englisch zu schreiben, inzwischen fast fünfzehn Prozent der Veröffentlichungen.“
Ein wichtiger Punkt Ammons sollte dabei auch erwähnt werden, nämlich die neue Chance für DaF, die er in der Tatsache sieht, dass Deutsch in vielen Ländern der Welt als zweite Fremdsprache unterrichtet wird, und zwar nach Englisch. Hierauf sollte man sich im DaF-Bereich besser einstellen.
Weiterhin kommt eine allgemein beklagte Tatsache zur Sprache, dass das Deutsche immer mehr Entstellungen durch Anglizismen und Deutsch-Englisch-Mischmasch erfährt.  Leider wird dieses Thema locker abgetan (S. 10). Man möchte gewiss nicht einer Deutschtümelei das Wort reden, aber in diesem Punkt würde das Eintreten für die deutsche Sprache jedem Deutsch Unterrichtenden gut anstehen.  Zu diesem Punkt also: Etwas mehr Biss, bitte! (Argumente beim Verein Deutsche Sprache e.V.)
Zu dem ersten Kapitel insgesamt fehlt der Hinweis, dass ein guter Teil der darin gegebenen Informationen in einschlägigen Veröffentlichungen der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages zur auswärtigen Kulturpolitik enthalten ist. (Vgl. z. B. Bericht des Deutschen Bundestages von 1985 zur Stellung der deutschen Sprache in der Welt.)
Kommen wir nun zurück auf die eingangs erwähnte nützliche Funktion des Buches als Ratgeber: Wo gibt es was für jemanden, der Deutsch als Fremdsprache im Ausland unterrichten möchte: Fachstudiengänge DaF, Unterrichtsmaterialien, Institutionen? Hier finden Abiturienten, Studierende in Anfangssemestern, Fachwissenschaftler ohne DaF-Wissen und sonstige Experten, die Deutsch unterrichten wollen oder gar müssen, die gewünschte Orientierung.
Am Ende des Buches ist angedeutet, dass es im Ausland auch ein Scheitern geben kann und dass die Rückkehr dann der Ausweg sei. Hierzu darf angemerkt werden, dass es zu dem banal klingenden Vorgang der Rückkehr inzwischen Überlegungen in der Fachliteratur gibt, die man einbeziehen sollte. Gerade die Rückkehr in die Heimat nach Jahren im Ausland wird von vielen als Schock erlebt. Die bedeutenden Entsender von Experten wissen, dass auch die Bewältigung der Rückkehr und die Re-Integration ein Teil des erfolgreichen Auslandseinsatzes sind. (Vgl.: „Der Schock der Heimat“)
Das Buch „Deutsch unterrichten weltweit“ wird den angesprochenen Leserkreis nicht enttäuschen. Es ist ein Muss für alle, die sich einen ersten Überblick verschaffen wollen.

16.12.04

Walser, Tod eines Kritikers

Martin Walser, Tod eines Kritikers, Suhrkam Verlag,
Frankfurt a. M. 2002,
219 Seiten
Eine Elementarregel der Literaturkritik sagt:  Konzentrier dich auf das Buch, schweif nicht ab und lass dich auch nicht durch den medialen Kontext, in dem es erschienen ist, ablenken.  Aber wie kann man ein Buch besprechen, das bereits vor seinem Erscheinen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Hass-Werk und als antisemitische Beleidigung von  Marcel Reich Ranicki - je nach Gusto Deutschlands Star-Kritiker oder Literatur-Papst -  verurteilt wurde?
Der im Jahr 2002 erschienene Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser hat in der Medienlandschaft Furore gemacht; und fast zum Jahresausklang deutete sein Autor in einem Interview des Hamburger Magazins „Stern“ an, dass ihn die Angriffe auf seinen Roman fast das Leben gekostet hätten.  Die an ihm und an seinem Roman geübte Kritik sei kaum zu ertragen gewesen, weitere Angriffe hätte er nicht ausgehalten:  „Dann wäre ich weg, wäre wahrscheinlich nicht mehr hier.“ 
Der Leser dieses Romans muss zwangsläufig seinen Blick hin und her wenden:  von der Vorverurteilung des Romans und von der darauf folgenden Diskussion, in der das Buch als Satire und Parodie etikettiert wurde, bis hin zur Selbstinterpretation des Autors, der sein Werk als „unglücklich verlaufene Liebesgeschichte“ bezeichnet.  Ist das Buch antisemitisch?  Ist es eine gelungene Parodie?  Ist es ein Stück lesenswerte Literatur?
Die erste Frage ist eindeutig mit Nein zu beantworten. Oder erlaubt eine Stelle auf Seite 10 des Romans eine andere Einschätzung?  Dort heißt es,  dass die Romanfigur Hans Lach den  Protagonisten und Literaturkritiker Ehrl-König verbal angegriffen habe: „Herr Ehrl-König möge sich vorsehen. Ab heute nacht wird zurückgegschlagen.  Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden ausgelöst, schließlich sei allgemein bekannt, dass Andre Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust.“
Marcel Reich-Ranicki sah in der Romanfigur des Ehrl-Königs einen Angriff auf seine Person, denn sie ist mit Attributen und Allüren ausgestattet, die zu ihm passen könnten: Ehrl-König ist Star-Kritiker, er hat einen Sprachfehler.
Dieser Ehrl-König charakterisiert sich selbst in einer Rede, die in indirekter Form wiedergeben wird.  Er räsoniert über die Romanfigur Hans Lach (Achtung: keine Rechtschreibfehler, sondern Wiedergabe eines Sprachfehlers.) „Er sei ja, das könne Martha nicht wissen, mit Hans Lach befereundet, er schätze ihn als einen außerordentlich begabten Schscheriftstellerrr, in der keleinen und der keleinsten Form gelinge ihm gelegentlich durchaus Gutes, manchmal sogar Vorzügeliches, aber im Roman:  eine Enttäuschung nach der anderen. Er kann alles mögliche, unser Hans Lach, aber das, was er offenbar am liebsten tut, am ausdauerndsten tut, erzählen, das kann er nicht, das kann er ums Verrecken nicht. Und das einem Fereund zu sagen, liebe Marthaa, das tut weh.  Aber der Keritiker hat, wenn er Keritiker ist, weder Fereund noch Feind. Seine Sache ist, solange er urteilt, die deutsche Literatür.    Wenn er, Ehrl-König, ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratür lesen müsse, beneide er die Leute von der Müllabfuhr.  Wie elegant schwingen die die Kübel voll des übelen Zeugs hinauf zum Schelucker, schwupps, und weg ist das Zeug, der Kübel wieder leicht und leer, aber wie lange habe er, der Keritiker, zu würgen und zu gacksen, bis er so einen deutschen Gegenwartsroman dort habe, wo der hingehört, in den Müll.“  S. 40 f.
Ehrl-König verschwindet unter mysteriösen Umständen, eine Blutspur nährt den Mordverdacht, der auf Hans Lach fällt.  Lach landet in der Psychatrie. Später stellt sich heraus, dass der Kritiker nicht ermordet wurde, sondern nur deshalb von der Bildfläche verschwand, weil er sich für einige Zeit mit einer Geliebten davon gemacht hatte.
Die Romanfigur Julia Pelz-Pilgrim, Verlegergattin, Anhängerin eines Sektenkults (Saturn) und Verehrerin von Hans Lach, äußert über den Kritiker:
Er war die Macht, und die Macht war er.  Und wenn man wissen will, was Macht ist, dann schaue man ihn an:  etwas Zusammengeschraubtes, eine Kulissenschieberei, etwas Hohles, Leeres, das nur durch seine Schädlichkeit besteht, als Drohung, als Angstmachendes, Vernichtendes. Sie habe mitgekriegt, wie viele Schräubchen Ehrlkönig drehte und drehen ließ, bis er der Koloß war, vor dem alle in die Knie gingen.  Und das mit Namen der Literatur.  Im Namen Lessings, Goethes.  Nicht im Namen Hölderlins.“   Er sei ein Opfer seiner eigenen Macht geworden. (S. 76) 
Eine weitere weibliche Romanfigur, Lydia Streif, ergänzt die Charakterisierung:  „Dann habe Bernt (ihr Mann) Ehrl-König nur noch beschimpft, habe ihn ein Michelin-Männchen genannt, einen Fürsten der Aufgeblasenheit, eine Marionette der Egomanie, eine Fernsehlarve und der Totengräber der deutschen Literatur.2 (S. 79)
Der Roman leuchtet etwas in den Literaturbetrieb, in die Welt der Verhältnisse von Verleger und Autor, von Medienmacht und Erfolg.   Wer kein Insider dieses Betriebes ist,  kann die Realität, die damit gemeint sein soll, nur erahnen.
Gegen Ende des Buches wird es toll.  Es geht in die Psychiatrie, wo eine als Literatur intendierte Tonbandmitschrift  deftige Worte zutage bringt.  Darin werden die bekannten Fernsehrituale der Literaturkritik in grober Übertreibung aufs Korn genommen.
Wenn man den Roman zu Ende gelesen hat, nicht ohne langen Atem, dann hat man die Gewissheit, dass es sich um eine Satire handelt und dass bestimmte Personen des deutschen Literaturbetriebes parodiert werden.  Ob man dafür auf über 200 Seiten allerhand intellektuelle Übungen, die durchaus eines akademischen Seminars würdig wären, rezipieren muss,  erscheint fraglich.  Wegen seiner etwas gedrechselt wirkenden Sprache mit verschachteltem Satzbau und indirekter Rede schafft der Autor Distanz zum Erzählten, aber wohl auch zu nicht wenigen Lesern.
Soll man das Buch lesen?  Ja, denn sonst versteht man nicht das Theater, das vor und nach seinem Erscheinen darum gemacht wurde.  Es steht außer Frage:   Im „Tod eines Kritikers“ geht es um den Umgang mit Literatur in der modernen Mediengesellschaft.  Diese Parodie sollten diejenigen, auf die angespielt wird,  ertragen können