18.12.04

Buchbesprechung: Dagmar Giersberg, Deutsch unterrichten weltweit

Dagmar Giersberg, Deutsch unterrichten weltweit. Ein Handbuch für alle, die im Ausland Deutsch unterrichten wollen" ist 2004 im W. Bertelsmann Verlag in Bielefeld in vollständig überarbeiteter Auflage erschienen, aktualisiert und ergänzt.

In diesem Ratgeber werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie man Deutsch als Fremdsprache im Ausland unterrichten kann (als Praktikant, Fremdsprachenassistent, Lektor oder Lehrer). Zudem werden DaF-Studiengänge und Fortbildungsmöglichkeiten vorgestellt. Daneben gibt es Informationen zur Stellung der deutschen Sprache in der Welt, zu Mittlerorganisationen und Verbänden in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zu Zeitschriften und Unterrichtsmaterial etc.

In unserer Besprechung der Erstauflage 2002 schrieben wir:
Buchbesprechung: Dagmar Giersberg, Deutsch unterrichten weltweit, Bielefeld 2002,  232 Seiten, 14,90 Euro  
Das Buch „Deutsch unterrichten weltweit“
von Dagmar Giersberg schließt eine Lücke
. 
Eine Informations- und Orientierungslücke, die bislang für jeden bestand, der im Ausland Deutsch unterrichten wollte und der keinen einschlägigen Studiengang in Deutsch als Fremdsprache durchlaufen hatte.
Der Rezensent erinnert sich an drei Vorbereitungen für pädagogische Einsätze im Ausland: nach Frankreich durch den Pädagogischen Austauschdienst, nach Spanien durch das Bundesverwaltungsamt und nach China durch den DAAD. Vor jeder Entsendung war es erneut nötig, sich einen Überblick zu verschaffen über Ämter, Institutionen, Organisationen und Materialquellen, mit denen man als Deutschlehrer im Ausland zu tun hat oder zu tun haben könnte. In China begegnete man sogar vereinzelt Lektoren, die von Entsendestellen kamen, mit denen man gar nicht gerechnet hatte. Hätte man als junger Auslandslehrer das nun vorliegende Handbuch „Deutsch unterrichten weltweit“ zur Verfügung gehabt, wäre manches schneller und leichter zu haben gewesen.
Man findet in diesem Ratgeber die Aufgaben der verschiedenen Mittlerorganisationen beschrieben, bekommt relevante Adressen, einschließlich Web- und E-Mail-Adressen, und man kann sich kurz über finanzielle, kulturelle und rechtliche Rahmenbedingungen sowie über die ganze Palette fachlicher Aspekte des Themas Deutsch als Fremdsprache im Ausland informieren.
Im Internet ist bei Amazon eine Leserrezension veröffentlicht, die besonders die Adressensammlung von Ministerien, Mittlerorganisationen und Verbänden kritisiert, da man sie leicht im Internet auffinden könne, zumal in der jeweils aktuellen Fassung.
Dem ist entgegenzuhalten, dass man nicht immer einen schnellen Internet-Rechner zur Hand hat und dass es gerade für die Aktiven im Bereich Deutsch als Fremdsprache im Ausland sehr nützlich sein dürfte, diese Informationen praktisch gebündelt und übersichtlich jederzeit erreichbar im Bücherregal zu haben.
Um der Autorin gerecht zu werden, sollte man den Untertitel des Buches lesen: „Ein Handbuch für alle, die im Ausland Deutsch unterrichten wollen.“ Wer jedoch den verhältnismäßig neuen Studiengang Deutsch als Fremdsprache durchlaufen hat, kann vermutlich auf die kurzen Hinweise zu interkulturellen Differenzen und didaktischen Aspekten verzichten. Wahrscheinlich verfügt ein solcher Absolvent eines Fachstudium auch schon über eigene Unterrichtserfahrung im Ausland.
Das Buch aber wendet sich hauptsächlich an diejenigen, die eine erste Orientierung benötigen. Es darf eben nicht missverstanden werden als ein Handbuch der Fremdsprachendidaktik für Deutsch als Fremdsprache - DaF. Der Nicht-Fachmann in dieser Unterrichtskunst findet ein ganzes Kapitel über die Ausbildung zum DaF-Lehrer und über entsprechende Studiengänge. Es handelt sich also eindeutig um einen Leitfaden für Novizen der Zunft und für DaF-Laien, vor allem für solche, die noch nicht recht wissen, ob sie überhaupt in den Auslandseinsatz gehen wollen.
Diese Leser werden von der Autorin, die selbst durch verschiedene Erfahrungen im Ausland und bei Mittlerorganisationen ausgewiesen ist, geradezu umworben. Man spürt die Begeisterung, mit der die schöne und gewiss nicht leichte Arbeit des Deutschunterrichtens im Ausland schmackhaft gemacht wird. Dabei kommt es dem gestandenen Deutschlehrer jedoch beim Lesen der Einleitung des Buches zunächst so vor, als gehe es mit der flotten Apostrophierung des Lesers etwas allzu sehr in Richtung studentische Redeweise: „Raus aus dem Land, in dem Sie jeder versteht, in dem Sie sich auskennen – quälende Langeweile. Raus, raus, raus. Aber wie?“ (S. 9). Aber das steht sprachlich im Gegensatz zu den Hauptteilen, die in der Formulierung sachlich, fachlich und stilistisch angemessen erscheinen. – Recht so, denn es ist doch ein Fachbuch!
Kreativ und ansprechend Formuliertes findet der interessierte Leser an passender Stelle in den Teilen des Buches, die Erfahrungsberichte von jungen Lehrkräften bieten, z. B. aus Norwegen, aus Russland, aus Südkorea, aus Polen und aus Laos. 
--„Üppiges Grün, sanfte Hügel, vereinzelte Kokospalmen und um den Flughafen ein Meer aus Reisfeldern, die sich gleichmäßig wie Wellen im scheinbar weichen Monsunwind bewegten.“ (S. 189)
--„Ich hatte nicht erwartet, dass man mir aus dem Stegreif Schubertlieder vorsingen konnte, und auch wenn man Karajan für einen Komponisten hielt, musste ich im Gegenzug zugeben, nicht einen einzigen koreanischen Musiker, Schriftsteller oder Künstler zu kennen.“ (S. 93)
-- „Andere Sprachen, andere Erfahrungen sind hier selbstverständlicher als in überwiegend monoethnischen, monolingualen Regionen, in denen ‚das Andere’ zunächst mal als ‚das Fremde’, zuweilen gar mit bedrohlichem Beigeschmack, empfunden wird.“ (S. 64)
-- „Im Falle des Spracherwerbs beschränkt man sich weitgehend auf kontrastive Grammatikschulung und die guten alten Übersetzungsübungen. Außerhalb des Unterrichts aber beklagt man dann den Bildungs- und Werteverlust unter den Studenten, die keinen goethischen Faust mehr rezitieren können.“ (S. 34)
Damit werden Eindrücke vom Unterrichten in der Fremde vermittelt, von den Herausforderungen, von den Reizen und davon, dass es auch darum geht, sich selbst zu verändern bzw. die eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten.  Das bedeutet auch bereit zu sein für die Revision bisheriger Positionen.
Kurzum: Deutschunterricht als Begegnung mit der Fremde und die Rückwirkung auf das Selbst. Das motiviert zum Hinausgehen und zum Auslandseinsatz für DaF.
Das erste Kapitel des Buches heißt: „Die deutsche Sprache in der Welt“ und eröffnet  den Blick auf eine Reihe von Aspekten.
Der Aspekt ‚Deutsch als Wissenschaftssprache’ mag verdeutlichen, warum dem Rezensenten ein tiefer gehender Blick in diesem Teil des Buches besser gefallen hätte: Zwar führt die Autorin unter ihren etwa 30 Buchtipps auf S. 194 den Titel „Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache?“ von Ulrich Ammon an.
Sie referiert auch zusammenfassend – gleichsam die kritischen Spitzen glättend – die dort beschriebene Tendenz eines allgemeinen Rückganges der deutschen Sprache in der Welt (S. 15), ohne jedoch in einer Fußnote die Quelle zu belegen. Nun gut, es ist eben kein Buch für Wissenschaftler. – Inhaltlich gesehen wäre Klartext besser wie vom Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen Kurt-Jürgen Maaß, der sich ausdrücklich auf Ammon beruft: Deutsch hat keine große Chance mehr als Wissenschaftssprache, weltweit werden nur noch knapp über ein Prozent aller naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen in deutscher Sprache verfasst. „Selbst viele deutsche Literaturwissenschaftler sind dazu übergegangen, wissenschaftliche Aufsätze auf Englisch zu schreiben, inzwischen fast fünfzehn Prozent der Veröffentlichungen.“
Ein wichtiger Punkt Ammons sollte dabei auch erwähnt werden, nämlich die neue Chance für DaF, die er in der Tatsache sieht, dass Deutsch in vielen Ländern der Welt als zweite Fremdsprache unterrichtet wird, und zwar nach Englisch. Hierauf sollte man sich im DaF-Bereich besser einstellen.
Weiterhin kommt eine allgemein beklagte Tatsache zur Sprache, dass das Deutsche immer mehr Entstellungen durch Anglizismen und Deutsch-Englisch-Mischmasch erfährt.  Leider wird dieses Thema locker abgetan (S. 10). Man möchte gewiss nicht einer Deutschtümelei das Wort reden, aber in diesem Punkt würde das Eintreten für die deutsche Sprache jedem Deutsch Unterrichtenden gut anstehen.  Zu diesem Punkt also: Etwas mehr Biss, bitte! (Argumente beim Verein Deutsche Sprache e.V.)
Zu dem ersten Kapitel insgesamt fehlt der Hinweis, dass ein guter Teil der darin gegebenen Informationen in einschlägigen Veröffentlichungen der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages zur auswärtigen Kulturpolitik enthalten ist. (Vgl. z. B. Bericht des Deutschen Bundestages von 1985 zur Stellung der deutschen Sprache in der Welt.)
Kommen wir nun zurück auf die eingangs erwähnte nützliche Funktion des Buches als Ratgeber: Wo gibt es was für jemanden, der Deutsch als Fremdsprache im Ausland unterrichten möchte: Fachstudiengänge DaF, Unterrichtsmaterialien, Institutionen? Hier finden Abiturienten, Studierende in Anfangssemestern, Fachwissenschaftler ohne DaF-Wissen und sonstige Experten, die Deutsch unterrichten wollen oder gar müssen, die gewünschte Orientierung.
Am Ende des Buches ist angedeutet, dass es im Ausland auch ein Scheitern geben kann und dass die Rückkehr dann der Ausweg sei. Hierzu darf angemerkt werden, dass es zu dem banal klingenden Vorgang der Rückkehr inzwischen Überlegungen in der Fachliteratur gibt, die man einbeziehen sollte. Gerade die Rückkehr in die Heimat nach Jahren im Ausland wird von vielen als Schock erlebt. Die bedeutenden Entsender von Experten wissen, dass auch die Bewältigung der Rückkehr und die Re-Integration ein Teil des erfolgreichen Auslandseinsatzes sind. (Vgl.: „Der Schock der Heimat“)
Das Buch „Deutsch unterrichten weltweit“ wird den angesprochenen Leserkreis nicht enttäuschen. Es ist ein Muss für alle, die sich einen ersten Überblick verschaffen wollen.

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