3.7.12

Was wusste der spanische König?

Javier Cercas hat mit seinem im Jahr 2009 erschienen Buch über den operettenhaft inszenierten Putschversuch in Spanien vom  23. Februar 1981 eine kluge, zeitgeschichtlich interessante Verarbeitung dieses höchst symbolträchtigen spanischen Ereignisses veröffentlicht.

Deutsche Übersetzung (Peter Kultzen) liegt vor

Er erhielt dafür einen der wichtigsten spanischen Literaturpreise, den “Premio Nacional de Narrative 2009”.  Seit 2011 liegt nun die von Peter Kultzen geleistete Übersetzung des Werkes in deutscher Sprache vor: Javier Cercas, Anatomie eines Augenblicks, 569 Seiten, ISBN 978-3-10-011369-6.


Die Putschisten glaubten, sie hätten die Unterstützung des Königs 

Bekanntlich versuchte damals eine Gruppe franquistischer Militärs die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.  Ein Oberst namens Tejero drang mit einer bewaffneten Gruppe der paramilitärischen ´Polizei “Guardia Civil” ins Parlament ein.  Mit ihren Handfeuerwaffen schossen sie mehrere Salven unter die Decke und befahlen den Abgeordneten sich auf den Boden zu legen, was diese auch taten. Die Putschisten glaubten, sie hätten die Unterstützung des Königs für ihr gewaltsames Eingreifen in die politische Lage. Damals schien das Land angesichts separatistischer Bestrebunge und terroristischer Akte politisch und ökonomisch wie gelähmt und unfähig für eine dringend benötigte demokratische Stabilisierung. Das Besondere an diesem spanischen Putschversuch war, dass ihn die ganze Welt über die Medien mit erleben konnte, da zwei Fernsehkameras im Parlamentssaal liefen und, für die Putschisten unbemerkt,  alles gefilmt wurde.

Nachgewiesene Quellen und geistreiche Reflexionen

Eindrucksvoll war das Verhalten von drei Politikern im Parlamentssaal, die nicht auf dem  Boden in Deckung gingen, sondern stehen oder sitzen blieben:  Es waren der Ministerpräsident Adolfo Suarez, der General Gutierrez Mellado und auf der Linken der Generalsekretär der kommunistischen Partei Santiago Carrillo. Genau dieses Verhalten der drei Politiker, die dem Befehl der Putschisten nicht folgten und damit eine Geste des Widerstandes und der Bewahrung von eigener Würde lieferten, ist der Ausgangspunkt für die Analysen und Deutungen des Autors.  Deshalb trägt sein Buch auch den Titel “Anatomie eines Augenblicks”.  Der zeitgeschichtlich interessierte Leser wird dabei zweifach überrascht.  Zum einen: Der Autor garniert seine Erzählung des Vorganges, die sich auf öffentlich zugängliche und am Ende des  Buches nachgewiesene Quellen und auf Interviews mit einzelnen Akteuren stützt, mit zahlreichen geistvollen Reflexionen.  Dabei geht es über das Verhältnis von Theorie und Wirklichkeit, über den historischen Prozess, seine Vermittlung durch die Medien, über  die Rolle und Definition des Vollblutpolitikers und nicht zuletzt über die Art und Weise wie er, der Autor und Angehörige einer jüngeren Generation von dem Geschehen betroffen war und wie er das gestörte Verhältnis  zu seinem Vater verarbeitet hat.
Zum Anderen wird der Leser überrascht durch eine spannende Erzählung, die sich fast wie ein politischer Krimi liest.  Es werden Vorgeschichte, Planung und Ausführung des Putschversuches und die teils nachgewiesenen, teils vermuteten Verwicklungen von Generalität, Geheimdienst und  gesellschaftlich Mächtigen beleuchtet.

 Die Rolle des Monarchen erscheint als nicht ganz zweifelsfrei

Der König habe zwar durch sein öffentliches Bekenntnis zur Demokratie und zum Rechtsstaat den Putsch beendet, aber er habe dadurch auch seine politische Macht erheblich gestärkt. Deshalb stellt der Autor auch die Frage, welche Informationen der König im Vorfeld der Ereignisse hatte, ob er gewähren ließ, gar förderte oder ob er nicht alles wusste.
Rezensent war damals Auslandslehrer: live Sendung im Rundfunk

Der Rezensent, der damals Auslandslehrer in Barcelona war, war bei der Lektüre über eine Information des Autors dankbar erstaunt:  Wegen der Macht der Fernsehbilder vom Putschversuch des Obersten Tejero im Parlament hat jeder gut in Erinnerung wie es war. Jeder glaubt, er habe alles live im Fernsehen miterlebt.  Aber Javier Cercas zeigt,  dass die Fakten damals anders waren:  Es gab eine live Sendung im Rundfunk über den genauen Ablauf der Ereignisse, die Fernsehbilder jedoch folgten erst später, als der Putsch gescheitert war. An dieser Stelle darf angemerkt werden, dass Cercas auf die große demokratische Rolle, die der Rundfunk damals mit seiner Sendung spielte, in seinem Buch etwas deutlicher und näher hätte eingehen  können.
Gute Übersetzungsleistung

Es sei hier auch die gute Übersetzungsleistung erwähnt, denn dieses äußerst lesenswerte Buch ist sprachlich nicht ganz einfach.  Über weite Passagen hin pflegt der Autor einen anspruchsvollen Satzbau.  Sein differenzierender Diskurs scheint solche  komplexen Sätze zu benötigen, weshalb sie berechtigt sein mögen.  Es finden sich aber auch  Stellen mit sehr langen Sätzen und mit einem rhetorischem Stil, der die Geduld des Leser zeitweilig strapaziert.

Es geht viel um den Ministerpräsidenten Adolfo Suarez

Obwohl der Autor den Augenblick der dramatischen Zuspitzung des Putschversuches zu seinem Hauptthema macht, indem er die Gesten der drei aufrechten Politiker interpretiert, die ihre Amtswürde wahren und nicht zu Boden gehen, handelt doch sein Buch ganz wesentlich über den Ministerpräsidenten Adolfo Suarez.  Er zeigt seine Entwicklung und seinen politischen Aufstieg vom franquistischen Funktionär hin zum demokratischen Staatsführer. Anfangs charakterisiert er Suarez als opportunistischen Parvenu ohne besondere literarische Bildung oder bürgerliche Kultur.  Am Ende  jedoch bekennt er seine Sympathie für Suarez, der sich um die Demokratie  verdient gemacht habe und in der politischen Verantwortung über sich hinausgewachsen sei. Allzu spät habe er vom König die verdiente Ehrung erfahren.

Günther Miklitz

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